Schreitherapie und Tantra-Sex

- Hanne (Gabriela Maria Schmeide) flieht nach ihrer Scheidung mit dem 17-jährigen Sohn Nils (Franz Dinda) aus Bremen in die Provinz. Zu alten Freunden in eine Landkommune. Dort gibt es abendliche Konsensdiskussionen um Politik und gesunde Ernährung, gemeinsames Baden im Holzzuber und kollektives Basteln eines riesigen Windrades.

<P>Man schreibt das Jahr 1986. Fusselbärte, Schreitherapie, Karottenjeans, Parkas, Palästinensertücher und Tantra-Sex auf dem Flokati bestimmen den Alltag. Und Lars Jessen muss sorgfältig recherchiert haben, so akkurat angeschwitzt, verfilzt und schmuddelig wirkt das Ambiente. Genauso wie damals eben, als die strähnige Matte und der gelbe "Atomkraft? Nein danke!"-Aufkleber den Gutmenschen kennzeichneten und die Föhnfrisur nebst Bügelfalte den verachtenswerten Popper.<BR><BR>Während sich die ehedem gutbürgerliche Hausfrau Hanne in der Bauernhof-WG schnell einfindet und begeistert mitmacht beim Demonstrieren, Marmelade-Einkochen und der sexuellen Befreiung, beobachtet Nils das Treiben der Erwachsenen skeptisch. Er und seine neuen Freunde können mit der ganzen Anti-AKW-Stimmung nichts mehr anfangen. Brokdorf ist ihnen egal. Die richtige Musik oder der erste Kuss natürlich nicht.<BR><BR>Nils Blick ist der von Jessen selbst. Mit einer Mischung aus liebevoller Verzweiflung, steigender Faszination und echtem Grauen beobachtet der seine Figuren wie kleine Insekten unter einem Vergrößerungsglas. Denn am Tag, als Bobby sich aus der imperialistischen Seifenoper "Dallas" vorerst ins Nirwana verabschiedet, passiert auch sonst noch so einiges, und der Super-GAU in Tschernobyl ist da nicht einmal das größte Ereignis, das die Herzen der Kommunarden in Wallung bringt. Jessens Gespür für knackige Pointen und originelle Typisierungen ist so sicher, dass es dieser vergnüglichen Hommage an die wilden Achtziger nicht einmal Abbruch tut, wenn der rote Faden am Ende doch eher dünn wird . . . </P><P>(In München: Atelier.)<BR><BR>"Am Tag als Bobby Ewing starb"<BR>mit Gabriela Maria Schmeide,<BR>Peter Lohmeyer<BR>Regie: Lars Jessen<BR>Sehenswert </P><P> </P>

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