Dreharbeiten zu Film "Gnade": In Schuld verstrickt

Es geht um Betrug und Tod, um Sünde und Vergebung, um Gleichgültigkeit und Liebe. Matthias Glasner, der bereits mit Filmen wie „Der freie Wille“ für Kontroversen sorgte, hat mit „Gnade“ wieder einen Film gedreht, der Stoff für viele Diskussionen bietet.

Die Geschichte ist im norwegischen Hammerfest angesiedelt. „Gnade“ läuft am Donnerstag in den Kinos an.

-Haben Sie Norwegen als Schauplatz gewählt, weil vieles im Dunkeln spielt?

Das war ein Aspekt, der sofort auftauchte. Anfangs spielte die Geschichte in Kopenhagen, aber mir kamen schnell diese Ideen, die Sie ansprechen. Wir haben deswegen auch chronologisch gedreht. Ich war ein Jahr vorher schon einmal dort und habe den Verlauf der Sonne ausgerechnet, damit wir wussten, wann wir wo welches Licht haben würden. Ansonsten spielte natürlich die Erinnerung an Ray Bradburys „Mars-Chroniken“ mit hinein. Da haben es die Menschen auf der Erde auch nicht hingekriegt und wollen auf dem Mars nochmals neu anfangen.

-Wie liefen die Dreharbeiten ab? Sieht aus, als ob es ungemütlich war...

Das sind schon besondere Bedingungen. Wir haben die Szenen, die im Haus spielen, im Studio in Hamburg gedreht. Das heißt, die sechs Wochen, die wir in Norwegen waren, arbeiteten wir tatsächlich jeden Tag draußen. Wenn die Polarwinde wehen, dann ging es in dieser Zeit schnell mal auf 40 Grad Celsius Minus hinunter. Da ist die Kälte so heftig, dass man gar nicht in Windrichtung stehen, geschweige denn sprechen kann. Natürlich verändert das das Schauspielen total. Weil man gar nicht mehr das tun kann, was man eigentlich möchte. Für Birgit Minichmayr war das zum Beispiel extrem schwer, weil sie vom Theater eine ganz andere Bewegungsfreiheit gewohnt ist. Hier muss man mit der Natur richtig kämpfen. Da ging es gar nicht mehr ums Schauspielen, sondern um Leben. Leben im Eis. Und das vermittelt sich dann auch durch die Sprache.

-In einer langen Szene steht Jürgen Vogel mit Birgit Minichmayr auf der Terrasse des Hauses – nur im Pullover. Mussten Sie den anschließend auftauen?

Beinahe. Aber was blieb uns übrig? Er kommt aus dem Wohnzimmer zu ihr nach draußen. Es wäre einfach nicht logisch, dass er eine Mütze auf dem Kopf hat. Allerdings hatte ich schon etwas Angst. Jürgen hat aber toll re-agiert und gesagt: „Nein, das wäre völlig unrealistisch, wenn ich erst Mütze und Jacke hole. Das machen wir so.“ Wenn man jetzt nur auf ihn achtet, sieht man sehr genau, wie unglaublich er während der Szene gefroren hat. Seine Ohren sind knallrot.

- Ist das der Grund, weshalb Sie gerne mit Jürgen Vogel arbeiten? Weil er sich alles antut?

An Jürgen schätze ich am meisten seine Angstfreiheit. Er ist jemand, mit dem man direkt zum Kern der Sache kommt. Jemand, der nicht drüber nachdenkt, ob er gut aussieht oder ob der Charakter gut wegkommt. Das ist ihm alles egal. Da ist eine große Uneitelkeit dabei – und das besondere Talent, die Dinge so einfach aussehen zu lassen. Und er hat dabei immer sehr viel Charakterstärke und Herz.

- Minichmayr ist neu in Ihrem „Stammpersonal“.

Ich versuche in jedem Film ein bekanntes Element und ein unbekanntes Element einzufügen. Ich nehme gerne ein Element in Dreharbeiten mit hinein, vor dem ich selbst ein bisschen Schiss habe, um eine Unsicherheit und damit erhöhte Aufmerksamkeit in den Dreh zu kriegen. Das war in diesem Fall Birgit Minichmayr, die ich vorher nicht kannte. Ich hatte sie auf der Bühne gesehen, und da hatte sie mich sehr beeindruckt. Diese Rolle der Maria ist sehr schwer und rätselhaft. Denn obwohl sie als Krankenschwester auf den ersten Blick die „Gute“ ist, verhält sie sich doch selbstgerecht. Birgit ist nichtleicht gefallen, diese Figur zu spielen. Aber ich hoffe sehr, dass es zu einer weiteren Zusammenarbeit kommen wird – und ich glaube, sie auch.

-Sind Sie religiös?

(Lacht. Zögert.) Ich habe grundsätzlich eine Beziehung zur Kirche. Ich wollte auch mal Pastor werden in meiner Jugend und war damals sehr aktiv in der evangelischen Kirche in Hamburg. Gott und Glaube sind Themen, die mich sehr beschäftigt haben, aber mit der Organisationsform Kirche habe ich mich immer etwas schwergetan. Seit Jahren denke ich über ein Projekt nach, was ich gerne machen würde: einen Film über die konkrete Frage nach der Anwesenheit Gottes, wie sie sich in unserem Alltag stellt. Das beschäftigt mich sehr. Am meisten die Frage: Ist Leben ohne Gott überhaupt vorstellbar? Mal abgesehen, ob wir daran glauben. Was würde das bedeuten, wenn es keinen Gott gibt, wenn wir alleine wären? Könnten wir das überhaupt aushalten? Diese Fragen werden heute einfach aus dem Alltag verdrängt. Mich interessiert, was das für uns bedeutet, wenn es keine Wertesysteme mehr gibt, die uns Orientierung bieten.

-Schuld spielt in Ihren Filmen eine große Rolle.

Ich habe sie immer stark empfunden. Ich gehörte noch zu der Generation (Jahrgang 1965), die bei Klassenfahrten nach England oder Frankreich als Nazi beschimpft wurde. Das hat mich berührt, und diese Kollektivschuld habe ich auch angenommen. Die andere Seite ist vielleicht die, dass ich nicht aus einem gutbürgerlichen Milieu stamme. In meiner Jugend habe ich viel geklaut, damit ich die gleichen Turnschuhe hatte wie meine Freunde. Gleichzeitig habe ich mich dafür natürlich schuldig gefühlt. Das ist immer noch sehr stark in mir, das Schuldgefühl. Bis heute sind mir Menschen, die das ähnlich empfinden, sehr nahe, und andere, die das nicht haben, die mehr auf der Seite der Selbstgerechtigkeit leben, ziemlich fremd. Die machen mir manchmal sogar eher Angst.

Das Gespräch führte Ulrike Frick.

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