Schwache Reaktion

- "Alle großen Schriftsteller waren reaktionär: Benn, Mann, Goethe, Dostojewski." Es ist eine kurze Szene relativ am Anfang des Films, in der dieser Satz fällt - da funktioniert "Elementarteilchen" richtig gut. Ein Autor hat seinem Verleger ein Buch angeboten, rassistische Traktate, Betrachtungen über Biotechnologie, Texte also, wie sie auch in Michel Houellebecqs gleichnamigem Roman stehen.

"Aber wo ist der Sex?", fragt der von Herbert Knaup glänzend gespielte Verleger. Dieses kurze Gespräch ist eine geistreiche Reflexion über Houellebecq, in ganz originärem Ton erzählt sie alles über das Buch, das die Grundlage für den Film bildet, und damit auch vieles über den  Film  selber. 

Kintopp aus dem Labor

Hier nimmt Regisseur Oskar Roehler den Roman ernst und geht gleichzeitig über ihn hinaus, zeigt, was dieser Film unter anderem sein könnte: ein Film über die Genese des Reaktionären und des "Phänomens Houellebecq". Dann aber gleitet Roehler der Film aus den Händen.

"Elementarteilchen" ist eine freie Verfilmung, die die Vorlage entscheidend verändert. Roehler findet in der Geschichte der ungleichen Brüder seine Lieblingsthemen: die weinerliche Kritik der Kinder von 1968 an ihren Eltern, das Flirten mit Vater- und Muttermord und das in ihm kaum verborgene Liebesverlangen der Kinder; das antiautoritäre Ausleben jeder Befindlichkeit. "Elementarteilchen" ist ein Roehler-Film, geprägt vom typischen Roehler-Ton und einer Form am Rande des Dilettantismus, die Roehler längst zum eigenen Stil gebildet hat.

Und doch: Was Houellebecq zu einem besonderen, unbedingt lesenswerten und wichtigen Gegenwartsautor macht, ist sein Zynismus. Kalte Wut, überhaupt Kälte sind der Reiz seiner Romane. Was wiederum Roehler zu einem der besten und unbedingt sehenswerten deutschen Regisseure macht, ist seine Hysterie, sein Mut zum unverstellten Extrem, sein Mut auch zum Kitsch und zum Schrillen. Wie soll das zusammengehen? Elementarteilchen sind zwar Phänomene aus der Physik.

Das Resultat der Verbindung Houellebecq-Roehler gleicht aber eher einer simplen Labor-Reaktion: Heiß und eiskalt ergeben lauwarm. Roehler war noch nie so human wie hier. Man muss aber feststellen: Diesem Roehler-Film fehlt alles für Roehler Typische, Wichtige - und was dann übrig bleibt, ist banal. Mitunter fühlt man sich in eine schwache "Derrick"-Folge versetzt, so steril ist alles.

Unter den Schauspielern überraschen Christian Ulmen als Bruder Michael und Nina Hoss als Hippie-Mutter positiv, auch Moritz Bleibtreu hat intensive Szenen, während Martina Gedeck und Franka Potente wie Zombies wirken. In manchem wirkt der ganze Film wie ein Frankenstein-Monster aus dem gentechnologischen Labor. Auf dem Reißbrett stimmt vieles: Die Stars sind da, ein Erfolgsroman, ein toller Regisseur, genug Sex, Kitsch, Gefühl und Gelaber. Zum Leben erweckt wird diese Totgeburt aber auch in über zwei Stunden nie.

"Elementarteilchen"

mit Nina Hoss, Moritz Bleibtreu

Regie: Oskar Roehler

Erträglich

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