Schwanengesang

- Robert Altmans Filme haben weder Anfang noch Ende. Ihre Form ist nicht der Fluss, das Strömen der Zeit von A nach B, sondern Simultanität und Parallelität. Die Zeit bewegt sich in ihnen auch zurück, breitet sich aus, geht Umwege. Einzelschicksale haben Altman nie wirklich interessiert, sondern die Darstellung des Ganzen. Trotzdem sind seine Figuren Individuen mit Träumen, Ängsten, Fehlern und Hoffnungen. Aber sie sind doch nie die Hauptsache, sondern Fallbeispiele für das, was Altman darstellen möchte: das Leben selbst, das nur in Erscheinung gebracht werden kann in der Vielstimmigkeit seiner Facetten. Individualität, den großen US-amerikanischen Mythos, gibt es bei Altman nie für sich, sondern immer nur im Kontrast zu etwas anderem, das sie relativiert.

Vom ersten Augenblick an zieht einen die Kamera in diesen Film hinein, schlängelt sich in virtuosen Bewegungen, ohne einen einzigen Schnitt, durch die Räume; alles ist Kulisse hier, ein Theater, dessen Unterbau und Hinterzimmer wir auf diesem Weg kennenlernen. In wenigen Momentaufnahmen, skizzengleich hingeworfen, präsentiert uns der Blick des Regisseurs die Personen, die uns von nun an begleiten, um sich dann mit einer Drehung hochzuschrauben auf die Bühne, wo jetzt, Seitenblick auf Publikum, Applaus ­"noch drei Sekunden!, zwei, eins"­ der Auftritt beginnt: "Last Radio Show" (im Original: "A Prairie Home Companion") handelt vom Ensemble einer tatsächlich existierenden Live-Radioshow irgendwo im Mittleren Westen beim allerletzten Auftritt. Der Schwanengesang einer alten Kunstform, einer Darstellungsweise, die es so nicht mehr gibt.

Im November 2006 ist der 1925 geborene Altman gestorben, und "Last Radio Show" ist die letzte Chance, noch einmal zu erleben, was die Kunst dieses Regisseurs ausmachte. Seine Filme waren zuallererst Komödien. Denn das Leben ist komisch, je genauer man hinschaut. Wie alle guten Komödien handeln sie von traurigen Dingen, denn das Leben ist auch traurig, erst recht, wenn man den Blick nicht abwenden will. Auch in "Last Radio Show" mischt sich die Liebe zum Menschen noch einmal mit dem Sarkasmus über das Allzumenschliche, mit nachsichtiger Ironie gegenüber menschlichen Schwächen.

Voll Leichtigkeit und Licht

Altman war ein Humanist, aber einer, den sein Humanismus nicht vom Hinschauen abhielt. Nicht Zynismus, nur Neugier und Humor führen hier zu einem Kopfschütteln über die seltsamen Scherze, die das Schicksal mit den Menschen treibt. Man kann diesen linksliberalen Außenseiter des US-Kinos als verkappten Moralisten verstehen ­ und damit als Konservativen, der am amerikanischen Traum festhält, entgegen seinen Erblassern, die ihn gerade verschleudern.

Auch davon handelt "Last Radio Show": Vom Untergang einer alten, besseren Zeit. Sogar der Tod kommt hier vor, und man wird das Gefühl nicht los, das Altman wusste, dass dies sein letzter Film sein würde. Selten war Melancholie so herzzerreißend schön, so wehmütig liebevoll, so amüsant und gutgelaunt wie hier, wo Altman mit Meryl Streep, Lily Tomlin, Woody Harrelson, Tommy Lee Jones, Kevin Kline und John C. Reilly noch einmal ein tolles Ensemble versammelt hat, jeder sein Solo bekommt und doch nur das Ganze zählt: Kino als Bilder-Jazz, auch so könnte man Altmans Werk verstehen.

Seine Filme sind für das Kino, was der Impressionismus für die Malerei war: eine Neuentdeckung des Mediums voller Leichtigkeit und Licht, atemberaubend unangestrengt. Formal betrachtet sieht man einzelne Farbkleckse, doch aus der Distanz, in der Gesamtsicht fügen sie sich zusammen. Es ging Altman immer auch um Kunst um der Kunst willen, aber seine Methode der fragmentarischen Inszenierung, des zerstreuenden Erzählens in Momentaufnahmen und Satzfetzen, stand zugleich für eine höhere realistische Moral, die ihn neben die ganz Großen unter den Realisten des Kinos, neben Renoir, Lang, Godard stellt: Zeigen ist nicht darstellen, und weil die Wirklichkeit interessanter ist als jede Illusion, ist sie es wert, erzählt zu werden. Weil sie das Leben selbst bei der Arbeit zeigen, können Altmans Filme nicht Anfang und Ende haben. (Ab morgen in München: Cinema i.O., Filmcasino, Atlantis.)

"Robert Altman‘s Last Radio Show"

mit Woody Harrelson, Meryl Streep

Regie: Robert Altman

Hervorragend

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