Schwarzer Sprengsatz

- "Humor tröstet die Menschen über das hinweg, was sie tatsächlich sind", hat Albert Camus geschrieben, und vielleicht erklärt dieser Satz den sensationellen Erfolg, den die rabiate Komödie "Haus über Kopf" in den USA hatte. Millionen Amerikaner haben da über einen bigotten, weißen Biedermann gelacht, der zwar nichts gegen seine schwarzen Mitbürger hat, aber eben auch nichts mit ihnen zu tun haben will und alles Erdenkliche anstellt, um eine afro-amerikanische Internet-Bekanntschaft wieder los zu werden.

<P>Die Kritik war entsetzt. Schwarze und weiße, liberale und konservative Feuilletonisten jaulten im Chor auf - Regisseur Adam Shankman muss also irgendetwas richtig gemacht haben. </P><P>Die Geschichte um den Erfolgsanwalt Peter Sanderson (Steve Martin in einer Paraderolle), dessen gutbürgerliche Existenz durch das Auftreten der schwarzen Kleinkriminellen Charlene (Queen Latifah) aus den Fugen gerät, legt offenkundig den Finger auf eine schwärende Wunde: den verdeckten, aber allgegenwärtigen Rassismus, der nach wie vor die amerikanische Gesellschaft teilt. Gnadenlos zeigt der Film auf, wie das im Alltag aussieht. Die weiße Mittelschicht sondert sich in Enklaven am Stadtrand ab und praktiziert eine Art freiwillige Apartheid. Angehörige anderer ethnischer Gruppen tauchen hier nur als Hausangestellte auf. Und genau daraus bezieht der Film seinen Humor, der freilich gelegentlich in befremdliche Klamauk ausartet. </P><P>Queen Latifah, die schon in "Chicago" ihren Kollegen die Show stahl, walzt als Wuchtbrumme mit schnoddrigem Mutterwitz die verlogene Idylle nieder. Als "Sprengsatz" im Haus des Anwalts verstört sie die Nachbarschaft und mimt zur Tarnung Köchin und Kindermädchen. Mitunter muss sie bornierten Gästen sogar Sklavenlieder vorsingen - bis ihr irgendwann der Kragen platzt und der weiße Spießer Farbe bekennen muss. Es sind diese Szenen, die die Kritik verstört haben, aber es sind auch die besten und komischsten. Das Klischee der schwarzen Nanny, die weiße Kinder in den Schlaf singt, ist selbst hierzulande fest verwurzelt. Genau darüber macht sich der Film lustig. All die vermeintlich aufgeklärten Gutmenschen schleppen immer noch die Vorurteile von Generationen mit sich herum, obwohl Rassismus ein Käfig mit einer offenen Tür ist - man muss einfach nur heraustreten und ist frei. </P><P>Steve Martin und Queen Latifah sorgen dafür, dass das nie übertrieben kopflastig wird. Beide sind sie deftige Komödianten, die aus dem Bauch heraus, aber dennoch kontrolliert agieren. Sie ergänzen sich perfekt und trösten mit wunderbaren Szenen über manchen platten Gag und vor allem das verlogen süßliche Happy End hinweg, das die Grundidee des Films denunziert. </P><P>(In München: Marmorhaus, Maxx, Royal, Gloria, Münchner Freiheit, Cadillac, Rio, Rex, Sendlinger Tor, Kino Solln, Mathäser, Cinema i. O.)</P><P>"Haus über Kopf"<BR>mit Steve Martin, Queen Latifah<BR>Regie: Adam Shankman<BR>Annehmbar </P><P> </P>

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