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Filmszene aus dem skandalträchtigen Film "La Dolce Vita" von Kultregisseur Federico Fellini aus dem Jahr 1960: Marcello Mastroianni und Anita Eckberg beim Kuss.

Nachruf

Zum Tod von Anita Eckberg: Von der Magie eines Bades

München - Zum Tod der schwedischen Schauspielerin Anita Ekberg, die im Alter von 83 Jahren gestorben ist.

Da kann man noch so viele Filme drehen, gute Kritiken einheimsen oder Preise bekommen – und doch keine Spuren als Schauspieler hinterlassen. Und manche, die werden mit einem einzigen magischen Augenblick auf der Leinwand unsterblich, schreiben Kinogeschichte. Anita Ekbergs magischer Augenblick bestand darin, in Federico Fellinis „La Dolce Vita“ durch den Trevi-Brunnen in Rom zu waten. Eine ikonografische Szene, die auch heute noch, 55 Jahre später, jeder kennt – auch wenn er keine Ahnung hat, aus welchem Film sie stammt, und wer genau diese ausladende Blondine ist.

Ekberg wusste ziemlich genau um Bedeutung und Wirkung jener Sequenz und bediente die Gier nach Legenden gerne mit Anekdoten über die Dreharbeiten, etwa jene, wie sich Filmpartner Marcello Mastroianni mit Alkohol zulötete, um die Kälte im Brunnen zu ertragen, weil im Winter gedreht wurde. Zuletzt lebte Ekberg gar nicht so furchtbar weit entfernt von diesem Brunnen, der ihr Schicksal geworden ist. Verarmt, an den Rollstuhl gefesselt und von der Welt weitgehend vergessen ist sie nun mit 83 Jahren in Rom gestorben.

Bis zuletzt hat sie an ihren Memoiren gearbeitet: Und weil Ekbergs Zunge mindestens ebenso spitz war wie ihre Kurven rund, könnte das – sollte die Autobiografie erscheinen – eine außerordentlich unterhaltsame Lektüre werden über das Leben einer Schwedin, die auszog, ein Weltstar zu werden, und der dies auch gelang, allerdings aus den falschen Gründen.

Alles begann mit einem Schönheitswettbewerb. Anita Ekberg wurde mit 19 „Miss Schweden“ und reiste zum „Miss Universe“-Contest. Sie gewann zwar nicht, aber wurde fortan als Model gebucht und schnell bekannt. Sie galt als Inbegriff der skandinavischen Sexbombe, damals erregte insbesondere in den USA die Vorstellung vom freizügigen Lotterleben der Nordländer die Fantasie. Bald wurde Ekberg auch, damals keineswegs unüblich, in Filmen besetzt.

Es lief gut. Denn sie entsprach exakt dem Schönheitsideal der Zeit und war auf jeden Fall talentiert genug, um keine Fehler vor der Kamera zu machen. Im Jahr 1956 genügte das, um als vielversprechendster weiblicher Nachwuchsstar mit dem Golden Globe ausgezeichnet zu werden. Da hatte sie im monumentalen „Krieg und Frieden“ in einer Nebenrolle mitgespielt und sich wacker an der Seite von Edelmimen wie Audrey Hepburn oder Henry Fonda geschlagen.

Aber ihre schauspielerische Begabung war nie Thema, sie war berühmt als „Anita Ekberg“, eine Marke. Im letzten gemeinsamen Film von Dean Martin und Jerry Lewis trat sie tatsächlich als „Anita Ekberg“ auf, spielte sich selbst als Inbegriff eines Stars. Das war 1956, und im Grunde konnte es für sie als Schauspielerin von da an nur noch bergab gehen.

Es folgten Streifen mit Titeln wie „Falsches Geld und echte Kurven“ oder „Die blonde Venus“, die genau so sind, wie sie klingen. Aus dieser Existenz als Klischee erlöste sie ein Italiener, der sie (erfolglos) umwarb und sie dann als Partygirl im Film ihres Lebens besetzte, eben im legendären „La Dolce Vita“.

Es folgten noch ein paar Auftritte in aufwändigen Produktionen, aber eigentlich war Ekbergs Karriere bereits Mitte der Sechzigerjahre vorüber, auch wenn sie immer wieder in zum Teil reichlich obskuren europäischen Filmen auftauchte.

Auffällig ist, wie wenig die meisten Regisseure auf ihr durchaus apartes Gesicht achteten und stattdessen körperbetont immer das Vollweib Ekberg in Szene setzten. Das wurde ihr nicht gerecht, und folgerichtig verblasste die Faszination mit zunehmenden Alter, weil selbst Kinogöttinnen nicht gegen die Schwerkraft ankommen, jedenfalls nicht ohne moderne medizinische Hilfsmittel. Der Rückzug ins Privatleben hielt für Ekberg auch nicht allzu viel Erfüllung bereit: Zwei Ehen scheiterten, sie blieb kinderlos und war ein Mythos, den jeder nur in der Rückschau bewunderte.

Cineasten können sehr intolerant gegenüber dem wirklich Leben sein; Falten und graue Haaren passen irgendwie nicht in das kollektive Bildgedächtnis der Kinofans. Doch Anita Ekberg trug das mit Galgenhumor: „Ich bin nicht fett geworden, ich entwickle mich nur weiter.“ Das war so einer dieser Sätze, die sie gekonnt den Kritikern vor die Füße spuckte.

Es war dann wieder Fellini, der Ekberg einen schönen, bittersüßen, würdevollen Auftritt im Kino verschaffte. Im Jahr 1986 brachte der Regisseur in „Intervista“ Mastroianni und Ekberg erneut zusammen auf die Leinwand und erschuf in einem ansonsten nicht wirklich erwähnenswerten Film mit diesen Szenen einmal mehr echte Magie.

Im Alter immer wieder von finanziellen Nöten gebeutelt, lebte Ekberg zuletzt in Rom, der Stadt, in der sie weltberühmt wurde. Gelegentlich, wenn man sie einlud, erschien sie auf Filmfestivals und unterhielt geistreich und scharfzüngig mit pikanten Anekdoten aus ihrer Karriere, in der viele Kollegen nicht sehr gut wegkamen. Mit ihrer Heimat Schweden, von der sie sich stets zu wenig gewürdigt fühlte, hat sie nie so richtig ihren Frieden geschlossen. Dorthin zurückkehren werde sie niemals, verkündete sie mehrmals. Jedenfalls nicht lebend. Begraben werden wollte sie dann doch in skandinavischer Erde.

Zoran Gojic

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