Schweigen als Lösung

- Dass es in Frankreich neben blühenden Lavendelfeldern und der Liebesmetropole Paris auch andere, wenig ansehnliche Landstriche gibt, zeigt die junge Regisseurin Eléonore Faucher gleich in den ersten Einstellungen. Wolkenverhangen ist der Himmel, braunschwarz die matschige Erde. Eine schwangere junge Frau fährt im Morgengrauen mit einem klapprigen Mofa aufs Feld, klaut dort einige Kohlköpfe und tauscht diese im Nachbarort gegen Kaninchenfelle ein.

<P>Kaum ein Wort wird gesprochen in diesen Szenen, und dennoch oder gerade deswegen scheint hier schon das unbestreitbare Talent Fauchers auf, mit wenigen Pinselstrichen geschickt eine geheimnisvolle Spannung zu skizzieren. Denn das schwangere Mädchen ist umgeben von Unausgesprochenem: Die Kohlköpfe stammen vom Feld der Eltern, die ebenso wie alle anderen nichts vom Zustand und den eigentlichen Wünschen der siebzehnjährigen Claire (Lola Naymark) wissen dürfen.<BR><BR>Die träumt nämlich von einer Beschäftigung als Perlenstickerin. Das kunstvolle Arrangieren filigraner Bilder aus Fell, Perlen und Glitzerfäden besitzt in Frankreich eine lange Tradition. Die Realität sieht für Claire aber sehr eintönig aus. Sie sitzt an der Kasse des örtlichen Supermarktes und denkt sich jeden Tag neue Lügen aus, um ihren voluminöser werdenden Bauch zu erklären. Anonym will sie das Kind zur Welt bringen und zur Adoption freigeben. Also darf niemand von ihrer Schwangerschaft wissen.<BR><BR>Claire verheimlicht ihren Zustand, so gut es geht, und flieht vor allen Entscheidungen. Bis sie die Broderie-Meisterin Madame Melikian (Ariane Ascaride) trifft und bei ihr eine Anstellung findet. Zwischen den beiden vollkommen unterschiedlichen Frauen entwickelt sich langsam eine enge Verbindung. Schweigsam sind die beiden, während sie in gazeartige Stoffe ihre fantasievollen Ornamente setzen, und eigentlich wird im ganzen Film wenig gesprochen. Die zwei haben über die gemeinsame Arbeit einen Weg der Kommunikation gefunden.<BR><BR>Probleme lassen sich ohne viel Diskutieren lösen, scheint ein Fazit Fauchers zu sein. An den überaus ruhigen und gedehnten Erzählstil muss man sich allerdings erst gewöhnen. Wuchtige Bilder in melancholisch verdüsterten Farben, aufs Nötigste reduzierte, karge Dialoge. Die Regisseurin bezeichnet das Perlensticken als Metapher für das Kino. Ihr Film wirkt, abgesehen von einigen typischen Krankheiten eines Erstlingswerkes, ebenfalls wie eine kunstvolle Stickerei. Klein, fein und kostbar. </P><P>(In München: City.)<BR><BR>"Die Perlenstickerinnen"<BR>mit Lola Naymark, Ariane Ascaride, Marie Felix<BR>Regie: Eléonore Faucher<BR>Hervorragend </P><P> </P>

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