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Will als Ordensfrau in der Öffentlichkeit unerkannt bleiben: Schwester Cordula (li.) mit MM-Redakteurin Christine Ulrich.

Premiere: „Vision – Aus dem Leben der Hildegard von Bingen“

Schwester Cordulas Filmkritik

München - Morgen kommt „Vision – Aus dem Leben der Hildegard von Bingen“ ins Kino. Zur Premiere am Montag in München hat uns eine Benediktinerin begleitet – und danach erzählt, was sie vom Film hält.

Schwester Cordula streicht über die Filmbroschüre. „Wissen Sie, woran mich das erinnert?“, fragt sie und deutet auf Barbara Sukowa, die als Hildegard von Bingen verschleiert und visionär nach oben blickt. „Lawrence von Arabien. Peter O’Toole. Das haben die sicher gemacht, um bei den Leuten irgendeinen Erinnerungseffekt auszulösen.“

Die 41-jährige Benediktinerin aus der Kommunität Venio in München ist ein kritischer Geist. Ins Kino geht sie eigentlich selten. Doch zur Premiere von Margarethe von Trottas „Vision – Aus dem Leben der Hildegard von Bingen“ ist sie mitgekommen. Aus Interesse, weil die heilige Hildegard für Benediktinerinnen eine besondere Bedeutung hat, von der sie uns erzählen will. Und dabei beweist sie an diesem Abend, an dem starke Frauen aus so unterschiedlichen Welten wie Kino und Kirche aufeinanderprallen, auch eins: Wer glaubt, dass Schwestern nur das Jenseits im Sinn haben, hat sich gewaltig getäuscht.

„Hier ist ja viel los! Wer ist denn das da unten?“, fragt sie aufgeregt, als sie im Filmcasino am Odeonsplatz steht und von oben auf einen roten Schopf blickt, auf den Blitzlichter prasseln – vermutlich Ehrengast Senta Berger. Dann sitzen wir im Kinosaal. Die Schwester erzählt von ihren Vorbehalten: Im Trailer habe sie einen goldenen Professring (Zeichen der Vermählung mit Christus, d. Red.) aufblitzen sehen – „den hat es damals noch gar nicht gegeben“. Zwar sei die Zeit um das 12. Jahrhundert quellenarm, aber einiges wisse man schon über damals. Zudem sähen die Darsteller nicht mittelalterlich aus, allein weil es heute ganz andere Hygiene gebe.

Dann heißt es erst mal 111 Minuten Schweigen. Zu einer Zeit, in der Schwester Cordula eigentlich Abendmesse hätte, hält uns der Film in Atem. An Stellen, wo alle lachen, kichert auch die Schwester. Nach der Vorführung applaudiert sie und verfolgt, wie Produzent, Geldgeber, Regisseurin und Darsteller sich auf der Bühne präsentieren. Hat ihr der Film gefallen? Sie sprudelt über.

„Das wirkt alles so gespielt! Eher wie ein Fernsehfilm“, ist ihre erste Reaktion. „Die Leute sind alle so schön frisiert. Wollte sich Heino Ferch keine Tonsur schneiden lassen? Ich bin kaum aus dem Jahr 2009 rausgekommen. Aber ich bin ja auch Mediävistin“ – Expertin für mittelalterliche Geschichte: Das hat Schwester Cordula studiert, und sie arbeitet als Archivarin. In ihrer Kommunität gehen die Schwestern normalen Berufen nach, tragen Zivil und leben in einer früheren Villa. „Das Doppelkloster im Film ist nicht realistisch“, sagt sie. „Frauen lebten im Männerkloster in strenger Klause.“ Historische Ungenauigkeiten findet sie viele. Teils mögen sie der Dramaturgie geschuldet sein, teils der Unkenntnis – etwa dass jede Nonne beim Singen ein eigenes Chorheft hat und dass die Musik keine echte Gregorianik ist. „In manchen Szenen hätte man sich mit wenig Aufwand mehr der Realität nähern können.“

Und die Glaubensbotschaft komme zu kurz. Zwar hätten die Macher „die wichtigsten Sätze“ in Hildegards Schriften aufgespürt, doch entwickelten sie diese nicht weiter. Auch seien die Figuren arg emanzipiert: Dass Richardis von Stade (Hannah Herzsprung) als Novizin aufbegehre, sei unrealistisch – „mit der Benediktregel würde keiner so leichtfertig umgehen“. Zudem stört sie, „dass düstere Klischees wie der Bußgürtel abgenudelt werden, der Film zugleich aber so brav und linear erzählt ist und so ein abruptes Ende hat“.

Aber, sagt sie, das seien Details. Der Film gefalle ihr, er sei spannend, mutig. Schön habe man Briefwechsel in Spiel umgesetzt, Sukowa sei großartig. Schwester Cordula verschließt sich auch nicht historischer Wahrheit. Die Liebesbeziehung zwischen Hildegard und Richardis, „die wohl real war“, sei gut dargestellt. Ebenso Hildegards naturwissenschaftlichen Kenntnisse – „sie litt unter Migräne und hatte neurologische Ausfälle“. Dass ihre Visionen anerkannt wurden, sie viele Facetten hatte und ein bewundernswerter Mensch war – das komme schön raus.

Bewundert auch sie Hildegard? „Ja. Ihre Energie, ihren Mut, ihren Blick über den Tellerrand und wie sie ihre christliche Vision verfolgt hat.“ Seit zwanzig Jahren beschäftigt sich Schwester Cordula mit ihrem Wirken. Und mit den Nonnen damals verbinde sie etwa der gregorianische Gesang. Eine befreundete Benediktinerin habe realistisch gesagt: Wir berufen uns auf Hildegard, aber sie ist nicht die Gründerin unseres Ordens.

So spricht eine starke Frau über eine starke Frau. Sie werde den Film weiterempfehlen, sagt sie. Und sammelt stapelweise die liegengebliebenen Filmbroschüren ein.

Christine Ulrich

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