"Science of Sleep": Mit Watte und Wolle

- Keine Frage, diesen Film muss sich man mehrmals ansehen. Denn Regisseur Michel Gondry hat so viel intelligente Fantasie und wundersam-weise Originalität in jede Minute seines dritten Spielfilms nach "Human Nature" und "Eternal Sunshine on a Spotless Mind" gepackt, dass kein Zuschauer alles auf den ersten Blick aufnehmen kann. Gondry, der vor seiner Zeit als Spielfilmregisseur einige der besten Musikvideos der Popgeschichte für Les Négresses Vertes, Björk, Wyclef Jean, Radiohead und The White Stripes gedreht hat, muss in seinem Herzen ein Kind geblieben sein.

Das sagt man gerne über Menschen, die sich eine gewisse weltabgewandte, nervtötend-naive Freude am Spiel bewahren konnten. Bei Gondry ist das anders. In "Science of Sleep" fächert er bereits in den ersten Einstellungen ein wahres Panoptikum der absurden Szenen und bunt schillernden Ideen auf. Mit Wattebäuschchen, Zellophanstreifen, Wollfäden und Plüsch dekoriert er seine an sich gar nicht so großartig innovative Geschichte vom Außenseiter, der erst nach der Begegnung mit der ebenfalls schüchternen Nachbarin zu seiner wahren Bestimmung und schließlich auch zum Liebesglück mit besagter Herzdame findet.

Stéphane (Gael Garcia Bernal), ein junger Grafiker aus Südamerika, will nach dem Tod seines Vaters in Paris ein neues Leben beginnen. Seine Träume sind hochfliegend und voller liebenswerter Einfälle, doch im wahren Leben scheitert der durch und durch sympathische, aber immer ein wenig verklemmte junge Mann bereits, wenn er seine Nachbarin Stéphanie (Charlotte Gainsbourg) zum Essen einladen möchte. Es dauert, bis aus den beiden ein Liebespaar wird, aber kaum je hat man im Kino einem Mann und einer Frau so gerne dabei zugesehen, wenn sie sich langsam finden.

Dazwischen wird jede Menge Pappmaché verbastelt, viel Buntpapier zerschnitten, eine Zeitmaschine erfunden und ein Ozean mit einem winzigen Boot darauf zusammengeklebt, das die zwei schließlich ins Land ihrer Träume segelt. Gondry spielt beherzt mit der Erwartungshaltung der Zuschauer und wechselt ständig zwischen Realität und Traum: War das schon der Traum, oder kommt der gerade erst, in silbern glitzernde Alufolie gekleidet? Selten hat sich ein Regisseur so angenehm wenig um die heute modischen, am Computer generierten Spezialeffekte geschert.

Gondry bastelt gerne selbst und bringt dem Publikum mit seinem rundum zauberhaften, warmherzigen "Science of Sleep" wieder die Poesie einer behäbig schwebenden rosa Wattewolke nahe. (Ab morgen in München: Mathäser, ABC, Atelier, Arena, Atlantis i.O., Cinema i.O.)

"Science of Sleep" mit Gael Garcia Bernal, Charlotte Gainsbourg

Regie: Michel Gondry

Hervorragend *****

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