Zum Tod der Scream Queen

Marilyn Burns: Gekrönt durch ihre Schreie

Mit Marilyn Burns starb eine der letzten „Scream-Queens“ – nur wenige konnten der Bürde dieses Titels entfliehen.

Es gibt in dem sagenumwobenen, in Deutschland lange Zeit verbotenen Horrorklassiker „Texas Chainsaw Massacre“ einige sehr schockierende Szenen. Aber was sich dem Zuschauer einbrennt und wirklich unter die Haut geht, ist der Auftritt von Marilyn Burns. Sie spielte in Tobe Hoopers Film aus dem Jahr 1974, der nicht einmal 300.000 US-Dollar gekostet hatte, aber mehr als 30 Millionen US-Dollar einspielte, Sally Hardesty. Die junge Frau ist die Einzige, die dem Kettensägenmörder entkommen kann und die das gesamte letzte Drittel des Films um ihr Leben rennt und – schreit. So verzweifelt und glaubhaft, wie es eben nur eine echte „Scream-Queen“ kann. Die „Schreikönigin“, die schreiende, verängstigte Frau, ist bei Horrorfilmen elementar.

Das war schon so, als die Filme noch stumm waren. Mit weit aufgerissenen Augen und theatralischen Verrenkungen mussten die „Scream- Queens“ den Zuschauer darauf vorbereiten, beziehungsweise verdeutlichen, dass gerade etwas ganz Grauenhaftes zu sehen war. Immer noch berühmt ist die Szene in der Mary Philbin in „Das Phantom der Oper“ (1925) das Phantom erstmals ohne Maske erblickt.

Als der Ton zum Film kam, entstand ein eigener Berufszweig: Synchron-Schreierinnen, die den „Scream-Queens“ unsicht-, aber hörbar zur Seite standen, um die Schreie möglichst eindrucksvoll zu gestalten. Manche schrien selbst, wie Fay Wray in „King Kong und die weiße Frau“ (1933) oder wie Evelyn Ankers in „Der Wolfsmensch“ (1941) und so vielen anderen Horrorfilmen, dass sie bis heute als „Queen of Screamers“ gilt.

Wem die Namen Philbin, Wray oder Ankers nichts sagen, der ist keineswegs ein Banause: Es ist ja gerade das Schicksal oder vielmehr der Fluch dieser Schauspielerinnen, dass das Publikum zwar ihre Schreie in Erinnerung behält, sie ansonsten aber komplett ignoriert werden. Selbst wenn sie – wie Wray beispielsweise – im Anschluss an ihre Karrieren als „Scream-Queen“ mit renommierten Kollegen in ansehnlichen Filmen auftraten.

Doch meist nutzt alles nichts, die „Scream-Queens“ bleiben in der Regel auf ewig mit jenen Horrorfilmen verbunden, in denen sie schrien. Und selbst dann bleibt nur das Gesicht im Gedächtnis, nie der Name. Sogar Elsa Lanchester, die in „Frankensteins Braut“ (1935) beim Anblick von Boris Karloff den mutmaßlich berühmtesten Filmschrei aller Zeiten ausstieß, ist heute nur noch Filmhistorikern ein Begriff, obwohl Lanchester später in wirklich guten und erfolgreichen Filmen zu sehen war. Ähnlich wie Janet Leigh, die ebenfalls Filmgeschichte schrieb, indem sie in „Psycho“ (1960) unter der Dusche schrie, bevor sie zur Verblüffung der Zuschauer schon nach einem Drittel des Films gemeuchelt auf dem Badezimmerboden lag.

Die Einzige, die bis heute den Fluch der „Scream-Queens“ brechen konnte, war Leighs Tochter Jamie Lee Curtis. Sie musste 1978 in „Halloween“ ständig vor einem maskierten Schlitzer flüchten und dabei schreien. Sie machte das gut, aber gleichzeitig strahlte sie Widerstandsgeist und Entschlossenheit aus: Diese Frau würde nicht auf den rettenden Helden warten, sondern die Sache selbst in die Hände nehmen, das spürte man. Auf Männer kann man sich – eine Lehre aus allen guten Horrorfilmen – ohnehin nicht verlassen, wenn es darauf ankommt. Entweder sie lassen sich abstechen oder entpuppen sich selbst als irre Mörder – beides ist nicht hilfreich. Curtis kultivierte das Image der selbstbestimmten Macherin, und es gelang ihr 1988 mit dem nervenzerfetzenden Thriller „Blue Steel“ und der legendären Komödie „Ein Fisch namens Wanda“ ein triumphaler Befreiungsschlag. Fortan war sie keine „Scream-Queen“ mehr, sondern zeigte Typen wie Arnold Schwarzenegger, Pierce Brosnan oder Mel Gibson in erfolgreichen Action- und Abenteuerfilmen, dass sie keine Frau ist, die rumsteht, blöde schreit und sich dann ermorden lässt.

Marilyn Burns übrigens hat sich trotz des Erfolgs von „Texas Chainsaw Massacre“ schnell von der Illusion einer Hollywoodkarriere verabschiedet. Nach ein paar weiteren Auftritten in einschlägigen Filmen widmete sie sich der Arbeit am Theater, der sie bis zu ihrem überraschenden Tod vor wenigen Tagen mit nur 65 Jahren treu blieb. Das berühmte, halb hysterische, halb ungläubige Lachen, das sich zwischen die Schreie mischt, als Burns im „Texas Chainsaw Massacre“ dem Mörder endgültig entkommt, war nicht gespielt. Völlig ausgelaugt von den extremen Bedingungen der Billigproduktion in der Gluthitze des texanischen Hochsommers, fühlte sie sich tatsächlich so, als sei sie einem Albtraum entkommen: „Ich war das glücklichste Mädchen der Welt, als die Dreharbeiten endlich vorbei waren.“

Zoran Gojic

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