Die Seele und die Säle des Kinos

- Trotz der zeitlichen Nähe zur Oscar-Verleihung hält die Berlinale an ihrem winterlichen Termin fest. Sie "wird auch in Zukunft im Februar stattfinden", sagt Berlinale-Direktor Dieter Kosslick. Und an diesem Donnerstag, 9. 2., ist es soweit. Berlin rollt den roten Teppich aus. Deutschland im Bären-Fieber.

Welche Schwerpunkte sind auf der diesjährigen Berlinale zu erwarten?

Dieter Kosslick: Die Filme sind realitätsnah, politisch und setzen sich mit der aktuellen Wirklichkeit auseinander. Ob es nun um den Irak-Krieg oder Drogenkonsum, um Korruption oder den Zerfall von sozialen oder Familienstrukturen geht. Es geht darum, wie der Mensch mit den politischen, den sozialen Systemen und der Globalisierung, die gleichzeitig einen Identitäts-Verlust bedeutet, kämpft. Das ist durchgängig in den Filmen zu sehen - von Australien bis Skandinavien. Außerdem ist 2006 der deutsche Film wieder stark im Wettbewerb vertreten: Es werden vier Filme im Wettbewerb sein.

Welche Stars erwarten Sie?

Kosslick: Unter anderem stellt George Clooney seinen neuen Film "Syriana" vor. Ein weiterer veritabler Star ist auch unsere Jury-Präsidentin Charlotte Rampling. Natürlich wollen wir so viele Stars wie möglich auf den roten Teppich bekommen. Wir gehen davon aus, dass bei den Filmen, die wir präsentieren, der Regisseur und auch Schauspieler dabei sind.

Gibt's Neuerungen?

Kosslick: Der neue European Film Market (EFM) im Martin-Gropius-Bau ist in diesem Jahr die größte und spannendste Neuerung. Die Terminverschiebung des American Film Markets in Los Angeles hat optimale Bedingungen geschaffen, um unsere Position im globalen Filmgeschäft zu stärken. Wir haben diese einmalige Gelegenheit genutzt, um den EFM zu vergrößern und auch substanziell zu erweitern. 240 Firmen aus 45 Ländern nehmen in diesem Jahr teil. Alle großen Independent-Filmfirmen sind vertreten.

Traditionell ist der Markt in großen Teilen mit dem Programm der Berlinale verbunden. Viele Filme, die man im Panorama oder beim Kinderfilmfest sehen kann, werden beim EFM verkauft. Neu ist auch der Berlinale-Kindergarten im Kunstforum neben der Philharmonie. Da können die akkreditierten Gäste ihre Kleinen zwischen 10 bis 19 Uhr für maximal vier Stunden zur Betreuung abgeben. Das kostet nur fünf Euro. So einen Kindergarten in Deutschland aufzumachen ist nicht einfach. Das erfordert ungefähr die gleiche logistische Leistung wie die Organisation eines Festivals.

Ihr Vertrag als Direktor wurde im letzten Jahr um weitere fünf Jahre verlängert. Wie sieht ein Zwischenresümee aus?

Kosslick: Wir haben größtenteils umgesetzt, was wir uns vorgenommen hatten. Unter anderem wurde für den Filmnachwuchs der Talent Campus ins Leben gerufen, wir haben für die Filmwirtschaft und vor allem für den deutschen Film eine ideale Plattform geschaffen. Das sieht man auch an der Einreichquote. Für den Wettbewerb wurden für 2006 allein 48 deutsche Filme eingereicht. Das sind mehr als je zuvor. Die Resonanz auf das Festival hat insgesamt zugenommen. Für alle Sektionen gab's in diesem Jahr nahezu 4000 Filmeinreichungen, das sind 500 mehr als im Vorjahr.

Wie sehen Ihre Pläne für die nächsten fünf Jahre aus?

Kosslick: Künftig werden wir uns verstärkt ums Kino als Erlebnisraum und Bestandteil urbaner Landschaften kümmern. Das Kino selbst kann zu einem Thema bei der Berlinale werden. Im Kinobereich verändert sich sehr viel. Dass Kinos geschlossen werden und Kinopaläste leer stehen, kann uns als Festival nicht kalt lassen.

Wie kommt das Kino aus seiner aktuellen Krise?

Kosslick: Wenn es überhaupt eine Krise ist. Durch technologische Möglichkeiten wie die DVD verlagert sich das Filmerlebnis nach Hause. Es ist nicht so, dass die Firmen deswegen Probleme haben. Der Umsatz der Videobranche ist doppelt so hoch wie der der Kinobranche. Ich finde es gut, dass sich so viele Leute für Filme interessieren, und das wird sie auch wieder ins Kino zurückbringen. Demographische Verschiebungen spielen auch eine Rolle. Ältere Leute gehen wieder mehr ins Kino. Bisher hat die Zielgruppe der aktiven Konsumenten mit 21 Jahren aufgehört. Da hat eine Veränderung eingesetzt, auf die man reagieren muss. Cinemaxx-Betreiber Flebbe sagt, man müsse dem Kino seine Seele wiedergeben. Man muss dem Kino aber nicht nur seine Seele, man muss ihm auch seine Säle - im wahrsten Sinne des Wortes - geben. Ich denke, dass das Kino von morgen ähnlich aussieht wie das von gestern. Es wird wieder Einzelkinos mit sehr komfortablen Ausstattungen geben. Die Kinos müssen entweder traditionell sein, oder es muss ganz neue Serviceangebote geben.

Das Gespräch führte Holger Mehlig

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