Sein Leben für den Film – ein Film

München - Vor eineinhalb Jahren ist Bernd Eichinger in Los Angeles an einem Herzinfarkt gestorben. Jetzt wurde „Der Bernd“ uraufgeführt. Die Dokumentation über den Filmemacher hätte zur peinlichen Lobhudelei verkommen können. Ist sie aber nicht.

Es ist der Komponist und Oscarpreisträger Hans Zimmer, der den vielleicht treffendsten Satz über Bernd Eichinger sagt: „Es gibt zwei Arten von Produzenten: die, die kreativ orientiert sind, und die, die geschäftlich orientiert sind. Beim Bernd habe ich eigentlich nie gemerkt, dass er etwas Geschäftliches gemacht hat.“ Soll heißen: Eichinger brannte fürs Kino, lebte, arbeitete, feierte und stritt für diese Leidenschaft. Ein Besessener, kein Buchhalter. Wenig überraschend also, dass Eichinger im jetzt uraufgeführten Dokumentarfilm „Der Bernd“ vor allem dann total genervt (wahlweise: brutalst gelangweilt) zu erleben ist, wenn ihn etwa die Kamera an der Frankfurter Börse oder bei einer Jahreshauptversammlung gefilmt hat.

Am Tisch eines Restaurants in Los Angeles ist Eichinger am 24. Januar 2011 zusammengebrochen, der Infarkt traf ihn „mitten im Satz“, wie sich eine der Anwesenden erinnert. Jetzt hat die Constantin Film, die von Eichinger 1978 gekauft und zu einer erfolgreichen Verleih- und Produktionsfirma ausgebaut wurde, eine Dokumentation über den Mann in Auftrag gegeben. Die Idee dazu sei „aus der Mitte der Mitarbeiter“ heraus entstanden, erzählte Constantin-Vorstand Martin Moszkowicz im Münchner Mathäser. Unter den Premierengästen waren an diesem Abend viele dieser Mitarbeiter – und viele hatten am Ende des Films Tränen in den Augen.

Bevor dieser jedoch gezeigt wurde, bat Moszkowicz das Publikum, „gnädig mit uns zu sein. Wir haben versucht, ein umfassendes Bild von Bernd zu zeichnen. Aber das gelingt über keinen Menschen in 90 Minuten.“ Tatsächlich hätte „Der Bernd“ eine langweilige Lobhudelei, eine prätentiöse PR-Schmonzette werden können. Doch der Film funktioniert – trotz aller erkennbaren Sympathie für den Porträtierten – als Dokumentation über Leben und Arbeit des wichtigsten deutschen Kinoproduzenten. Hier wird auch Kritisches verhandelt: etwa Eichingers impulsiver Charakter, sein Basta-Gehabe, sein Unmut über den Börsengang der Constantin oder die – gerade firmeninterne – Debatte über den Film „Der Untergang“, der Hitlers letzte Tage im Bunker zeigt, ohne dass die NS-Verbrechen Thema wären.

Darüber hinaus ist „Der Bernd“ eine filmisch großartig gemachte Dokumentation. Einige Schnitte sind derart geschickt, verbinden derart elegant älteres und neueres Material, dass man sie tatsächlich gerne nochmals in der Zeitlupe sehen würde. Außerdem haben die Macher gewissenhaft in den Archiven recherchiert und Arbeiten aus Eichingers Zeit an der Münchner Filmhochschule gefunden, bei denen er Regie führte oder die er produzierte. Bereits diese Szenen vermitteln einen Eindruck vom Kinoverständnis des jungen Mannes, der in Neuburg an der Donau geboren wurde. Gesprächspartner wie die Regisseure Roland Emmerich, Wolfgang Petersen, Jean-Jacques Annaud, Doris Dörrie und Michael „Bully“ Herbig erinnern sich vor der Kamera ebenso an ihre Zeit mit Eichinger wie die Schauspieler Milla Jovovich, Moritz Bleibtreu, Til Schweiger und Martina Gedeck, Eichingers Lebensgefährtinnen Sabine Eichinger, Hannelore Elsner, Katja Flint, seine Witwe Katja und Tochter Nina.

Getragen wird „Der Bernd“ – der Film soll als Teil einer DVD-Box erscheinen und nächstes Jahr in der ARD gezeigt werden – aber von Eichinger, seiner Energie, seinem Wahnsinn, seinem Lachen, das immer wieder zu hören ist. Immer wieder haut Eichinger auch typische Eichinger-Sätze raus, manchmal sehr wahr, manchmal saukomisch. Etwa diesen: „Mitten am Tag Rotwein trinken ist wie Schule schwänzen.“ Spätestens da wird klar, warum sie ihn mochten. Nicht nur bei der Constantin.

Michael Schleicher

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