+
Christoph Schlingensief – hier beim Gespräch mit unserer Zeitung im September 2009 – erlag vor zwei Jahren seinem Krebsleiden.

Christoph Schlingensiefs Botschaft an die Nachwelt

München - In München wollte er an der Filmhochschule studieren, wurde aber zweimal abgelehnt. Dafür wohnte er hier in einem Haus, wo Säufer, Prostituierte und der Pop-Literat Thomas Meinecke lebten:

„...ich stand vor Angst senkrecht im Bett. Ich hatte bis dahin ja nur zuhause gewohnt und kannte so etwas nicht.“

Zum Ausgleich lernte er im Jahr 1986 als noch unbekannter Experimentalfilmer in Berlin die noch unbekannte Tilda Swinton kennen, mit der er knutschend und weinend durch die Stadt lief. Was für ein Leben...

Unzählige solcher Geschichten finden sich in Christoph Schlingensiefs postum erscheinendem Erinnerungsbuch „Ich weiß, ich war’s“, einer gewollt „unfertigen“ Autobiografie aus Einschüben und Abschweifungen. Enthält der Band doch überwiegend Texte, die der 2010 mit 49 Jahren an Lungenkrebs gestorbene Regisseur und Universalkünstler teils für sich, teils vor Publikum in seinen letzten Monaten auf Band gesprochen hat.

Ohne chronologische Ordnung, sondern sprunghaft-assoziativ blickt er da reflektierend auf sein Leben und Treiben. Nicht nur auf berühmte Groß-Aktionen wie die „Kirche der Angst“ oder seine Bayreuther Parsifal-Inszenierung. Sondern auch auf die Kindheit eines 1960 geborenen Apothekersohnes in Oberhausen, der im Revolutionsjahr 1968 seine private „Urszene“ erlebt: Da sieht er nämlich einen Urlaubsfilm, den sein Vater versehentlich doppelt belichtet hatte, sodass die Menschen am Strand alle übereinander hinweglaufen. Später, 1976, wurde er vom Vater mitgenommen in den „Lions Club“. Dort hielt Beuys eine Rede, und während die versammelten Mittelständler wegdämmerten, war es für den jungen Christoph ein Erweckungserlebnis. Die Beuys-Maxime „Zeige deine Wunde“ könnte ohnehin als Motto dieser Erinnerungen dienen, die auf eine fast schon heroische, bewegende Weise „Scham-los“ sind. Sodass man, wie immer bei Schlingensief, das Gefühl nicht los wird: Das ist ein reiner Tor, der es faustdick hinter den Ohren hat.

Zudem müsste dieses Buch eigentlich mit einem Überdruckventil versehen sein, so konzentriert ist das „chaotische“ Geschichten- und Gedankengeflecht, das zwischen Performance, Beichte („ich war’s“) und Bewusstseinsstrom mäandert. Die Überfülle an Stoff, den der Künstler loswerden wollte, wirkt in ihrer explosiven Ballung so energiegeladen wie alles, was Schlingensief anpackte.

Dazu trägt wesentlich bei, dass die Herausgeberin, seine Witwe Aino Laberenz, sich bemühte, den Duktus der mündlichen Rede zu erhalten, der Schlingensiefs überschäumendes, bei aller gelegentlichen Melancholie elektrisierend vitales Wesen für den Leser erstaunlich vergegenwärtigt – im Ganzen und in jedem einzelnen Satz: „Ich hab über Jahrzehnte hinweg immer wieder gehörig die Glocke geläutet, hier provoziert und da gebrüllt. (...) Und plötzlich ist es so, dass ich diese Glocke gar nicht mehr so wichtig finde. Inzwischen genieße ich es, rauszugehen in die Natur und festzustellen: Mensch, super, die ganzen Würmer, die ganzen Tiere sind unterwegs, baggern, beißen, lutschen rum (...) – der Wahnsinn.“ Fast will es scheinen, als sei die Mischung aus Flapsigkeit und bitterem Ernst, die sich in solchen Sätzen zeigt, das Wesensmerkmal aller Werke Schlingensiefs gewesen. Er selbst sagt über seine Motivation: „Ich glaube, vor allem wollte ich das Unsichtbare sichtbar machen.“

Das ist ihm einmal mehr gelungen mit diesem so herrlich „ins Unreine gesprochenen“ Buch, das wie ein Geschenk erscheint: wie eine witzige, intelligente, lebensfrohe und natürlich ein bisschen irrlichternde Botschaft an eine „respektvoll erschütterte Nachwelt“.

Alexander Altmann

Christoph Schlingensief:

„Ich weiß, ich war’s“. Kiepenheuer & Witsch, 290 Seiten; 19,99 Euro.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Er war der coolste James Bond: Nachruf auf Roger Moore
Trauer um Roger Moore: Der James-Bond-Darsteller ist mit 89 Jahren an Krebs gestorben. Hier lesen sie einen Nachruf auf Roger Moore. 
Er war der coolste James Bond: Nachruf auf Roger Moore

Kommentare