Seine Welt ist aus den Fugen

- Sepp Bierbichler. Will man sich auf einen Grund konzentrieren, um diesen Film begeistert zu empfehlen, dann ist es dieser Darsteller. Und die Rolle des Franz Brenninger, der Hauptfigur von "Winterreise". Mit diesem Film wird heute Abend das Filmfest München eröffnet, erstmals seit zehn Jahren wieder mit einem deutschen Werk. Ohne Untertreibung ist diese Rolle Bierbichler wie auf den Leib geschrieben und für ihn eine der Rollen seines Lebens.

"Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus." - Man kann den zweiten Film von Hans Steinbichler, der mit seinem Debüt "Hierankl", in dem auch schon Bierbichler mitspielte, 2003 triumphal den Regieförderpreis beim Münchner Filmfest gewann, als persönliche Interpretation und Variation von Franz Schuberts melancholischem Liederzyklus begreifen. Auch er erzählt eine Reise, und sehr früh schon lässt sich ahnen, dass sie kein gutes Ende nehmen wird.

Wunderschöne Kinofigur

Ein Mann schimpft. Er verflucht die Autofahrer, die Banken, die Geschäftspartner, aber auch seine Familie, seine Mitmenschen, überhaupt die ganze Welt. "Alles Arschlöcher!" Manchmal ist er ganz außer sich vor Zorn. Die Welt, seine Welt ist aus den Fugen. Und manchmal singt er. Im Kirchenchor seiner Heimatstadt Wasserburg am Inn, im Auto, wenn kein anderer Autofahrer in der Nähe ist, über den er sich aufregen kann, und zu Hause, wenn er mit dem Kopfhörer an den Ohren laute Musik hört. Dann ist er glücklich.

Klinisch betrachtet, ist Brenninger womöglich manisch-depressiv. Aber viel wichtiger ist, dass er eine wunderschöne Kinofigur ist: Ein Geschäftsmann, genialisch und hochverschuldet, ideenreich und überaus sensibel, einer der liebevoll und zärtlich zu den Menschen sein kann und der sich hassen kann. Wenn man ihm zuschaut und vor allem zuhört, in endlosen Stakkato-Monologen, ist das auch wunderbar witzig, sehr amüsant - nur bleibt einem das Lachen manchmal im Hals stecken.

Bierbichler arbeitet alle Nuancen dieser Figur heraus, man kann in seinem Gesicht auch hinter den Masken des Augenblicks lesen - und je länger man zusieht, umso weniger wird man den Eindruck los, dass hier ein Schauspieler mit seiner Rolle ganz verschmolzen ist.

Erzählt wird, wie dieser Mann sich zunächst seiner selbst und seiner engsten Familie immer mehr entfremdet, "sich verliert", und wie er sich dann wieder findet über eine Zufallsbekanntschaft und eine Reise nach Afrika, die er aus existenzieller Not unternimmt, um für seine schwer kranke Frau Maria das Geld für eine notwendige Operation aufzutreiben und sich damit letztlich auch selbst zu retten. Dabei hilft ihm nur seine Übersetzerin Leila.

"Winterreise" erzählt von Einsamkeit und Verlorenheit, von Todessehnsucht und Lebenshunger. Ein starker Auftritt, souverän inszeniert, und ein Film, der in seiner romantischen, "typisch deutschen" Art an den frühen Wim Wenders erinnert - allerdings mit sehr viel mehr Humor.

Neben Bierbichler spielen Hanna Schygulla und Sibel Kikilli die Hauptrollen - Letztere in ihrem ersten Auftritt seit "Gegen die Wand". "Winterreise" ist großes Kino. Eine melancholische Komödie mit menschlichem Antlitz, ein Film zwischen Vulkanausbruch und Poesie, dem man immer weiter zugucken möchte, auch wenn er schon lange zu Ende ist und das letzte Lied "Der Leiermann" schon lange verklungen.

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