Das Selbstbewusstsein von Kindern stärken

- Eine Institution des deutschen Films: Mit großem Talent und beachtlichem Fleiß hat sich Veronica Ferres vom blonden Sexbomben-Image zu Karrierebeginn ("Schtonk", "Rossini") befreit und avancierte zur international gefragten Schauspielerin. Im Kinofilm "Die wilden Hühner und die Liebe" ist sie die Taxifahrerin Sibylle, Mutter der Bandenchefin "Sprotte".

In "Die wilden Hühner und die Liebe" sind Sie als alleinerziehende Mutter wieder eine dieser liebenswerten, patenten Frauen. Würden Sie nicht gerne einmal eine richtig unsympathische Person spielen?

Veronica Ferres: Die große Herausforderung ist ja, eine an sich nicht sehr sympathische Figur sympathisch werden zu lassen. Eine unsympathische Frau zu spielen, interessiert keinen Menschen. Es geht vielmehr darum, auch einem Monster wie etwa der Figur des Hannibal Lecter in "Schweigen der Lämmer" eine Würde zu verleihen, wie Anthony Hopkins das gemacht hat. So habe ich das beispielsweise auch in "Die Manns" mit der Figur der Nelly Mann versucht. Dieser Frau eine Würde zu verleihen, obwohl sie eigentlich schrecklich ist in ihrem Verhalten und so ziemlich alles falsch macht, was man falsch machen kann. Dass man mitfühlt und anschließend versteht, warum sie so viele Selbstmordversuche unternommen hat. In der "Rückkehr des Tanzlehrers" spielte ich eine rechtsradikale Killerin, und trotzdem mochte man diese Figur irgendwie. Das ist wichtig, sonst will der Zuschauer ja gar nicht wissen, wie es weitergeht.

Die "Wilden Hühner" sind fünf sehr selbstsichere Mädchen...

Ferres: Die Mädchen und Jungen haben alle einen riesigen Entwicklungssprung gemacht. Bei den Dreharbeiten zum ersten Teil im letzten Jahr waren sie noch Kinder, jetzt sind es junge Damen. Zwischen den Jungen und Mädchen liefen diesmal ganz andere Dinge ab, das erste Händchenhalten etwa. Vivian Naefe, die Regisseurin, hat ihnen so viel beigebracht in den Probenwochen vor Drehbeginn, dass sie alle eine enorme schauspielerische Stärke und viel Selbstbewusstsein gewonnen haben.

Ihre Initiative "Power Child" hat unter anderem das Ziel, das Selbstbewusstsein von Kindern zu stärken. Wie sollten Eltern da vorgehen?

Ferres: Sie loben. Sie dazu animieren, ihre Neugierde auszuleben, selber die Welt zu entdecken wie ein Forscher. Das sind Erinnerungen, die sich einbrennen im Bewusstsein. Im speziellen Fall des Power Child e.V. versuchen wir, das Selbstbewusstsein von Kindern und Jugendlichen zu stärken, um damit Prävention vor sexuellen Übergriffen zu bewirken. Dazu haben wir unter anderem verschiedene Trainingsprogramme entwickelt, die man auf unserer Homepage www.power-child.de sehen kann. Wie zum Beispiel das Trillerpfeifentraining, damit die Kleinen wissen, wie sie sich verhalten sollen bei Gefahr eines Übergriffs.

Wie bringen Sie das den Kindern nahe, abgesehen von den Trainingsprogrammen?

Ferres: Bücher spielen eine immense Rolle dabei. Lesen ist für Kinder sehr wichtig. Ich habe gerade ein Buch geschrieben dazu, "Nein, mit Fremden gehe ich nicht".

Wie viel Zeit nimmt Ihre Tätigkeit für "Power Child" ein? Wie schaffen Sie es, Ihr Engagement dort mit Dreharbeiten und Familie unter einen Hut zu bringen?

Ferres: Ich drehe immer in Phasen. Zwei, drei Filme direkt hintereinander, danach dann erst einmal wieder einige Monate nichts. Nächste Woche beginne ich mit Dreharbeiten, aber seit letztem August hatte ich drehfrei. "Power Child" nimmt einen sehr großen Raum ein in meinem Leben und beschäftigt mich täglich. Wir haben inzwischen viele Mitarbeiter, die sich um die verschiedenen Projekte kümmern. Da gibt es zum Beispiel das Theaterstück "Mein Körper ist mein Freund", mit dem wir durch Grundschulen im ganzen Land touren. Für Kindergartenkinder im Alter von 3 bis 6 Jahren wurde das Stück unter dem Titel "Das große und das kleine Nein" adaptiert. Aber das ist nur eines von vielen Standbeinen, die wir bei "Power Child" inzwischen haben. Von Armenspeisung und therapeutischer Begleitung bis hin zur kompletten Versorgung von missbrauchten Müttern und Kindern. Dazu Arbeitsbeschaffung, Internet-Beratung und Rechtsbeistand

Ihre Filmtochter Sprotte wächst sehr frei auf...

Ferres: Erziehung ist eine ständige Gratwanderung zwischen Verantwortung und zu einengender Begrenzung. Auf der einen Seite muss man die Kinder dazu beflügeln, ihre eigene Welt zu entdecken. Man darf sie nicht komplett kontrollieren. Aber man kann sie heute leider nicht mehr so frei erziehen wie früher. Da hat man morgens das Gartentor aufgemacht, die Kleinen zogen los, und abends kamen sie wieder nach Hause.

Die ungeschminkte Realität mancher Kinder zeigt "Die wilden Hühner und die Liebe" aber nicht. Gewalt oder materielle Not kommen nicht vor. Eigentlich geht‘s allen ziemlich gut.

Ferres: Es ist schließlich ein Abenteuer- und Unterhaltungsfilm. Wir hatten im ersten Teil der "Wilden Hühner" Gewalt und Missbrauch thematisiert durch den brutalen Vater, gespielt von Axel Prahl. Wir haben das Thema umrissen und gezeigt, was man dagegen tun kann. Aber es sind eben letztlich immer noch die "Wilden Hühner" und nicht "Die Ratten" von Gerhart Hauptmann.

Gibt es Parallelen zwischen Ihnen und der alleinerziehenden Sibylle?

Ferres: Ja, der sehr energische Fahrstil. (lacht)

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