Selbstfeier der eigenen Tradition

- Dass ein Filmfestival sein Pulver nicht gleich zu Anfang verschießen will, ist das Schicksal aller Eröffnungsfilme. Sie sollen Stimmung machen, Lust auf zwölf Tage Kino, keinen vergraulen, aber auch den Ärger von Nachzüglern vermeiden, dass sie das Beste schon versäumt haben. Sie sollen Stars bieten, damit das Festival gleich groß in den Schlagzeilen ist, den Funktionären schmeicheln und ein paar Trends setzen, die auch das Restprogramm mitprägen.<br> Filmbericht

Genau das alles leistet "La vie en rose", mit dem gestern Abend die diesjährige Berlinale offiziell eröffnet wurde. Regisseur ist der Franzose Olivier Dahan. Sein Film erzählt, grob chronologisch, aber von Zeitsprüngen und Rückblicken unterbrochen, das Leben des weltberühmten "Spatz von Paris", der französischen Chansonnière Edith Piaf (1915-1963).

Diese war keineswegs auf Rosen gebettet: Von Vater und Mutter im Stich gelassen, wuchs die Piaf bei ihrer Großmutter auf, einer Bordellbesitzerin. Mit einem gewissen Genuss präsentiert Dahan dieses Milieu: Krankheit und Leid, Sex und Crime ­ eine Jugend in der Unterschicht der 20er-Jahre. Aber inmitten des ganzen Elends sind die Menschen gutherzig und gradeheraus, und nichts liegt ihnen mehr am Herzen als das Wohlbefinden der kleinen Edith. Selbst wenn diese zwischendurch erblindet, tröstet die Musik, und weil das Elend groß ist, haben alle immerfort ein Liedchen auf den Lippen. So wird Klein-Edith durch die Kombination aus Leid und musikalischer Umgebung zu der, die sie war. Später wird sie durch ihren Mentor Louis Leplée zum Star. Dann wurde Leplée ermordet, und bis zu Piafs Tod gab es Gerüchte, sie könne mit der Tat etwas zu tun haben.

 Filmbericht

So hüpft der Film von einem biografischen Event zum nächsten ­ jedes inspirierte die Sängerin zu einem Chanson. Und am Ende wirkt die glamouröse, rätselhafte Piaf ­ gespielt von Marion Cotillard ­ plötzlich arg banal. Dahans Film ist ein Stück konventionelles Ausstattungskino ­ mit vielen Klischees und großen Stars, auch wenn diese, wie Gérard Depardieu in der Rolle von Louis Leplée, zwar riesig auf dem Plakat stehen, aber nur für knappe zehn Minuten auf der Leinwand zu sehen sind. Schon europäisch, also nicht ins Glatte amerikanisiert, aber doch so trocken wie das Blättern in einem leicht verstaubten Programmheft. Von einem Film wie Vilsmaiers "Marlene" trennt "La vie en rose" eigentlich nur die professionellere Inszenierung und ein Mehr an Stilgefühl. In Frankreich, wo jedes Kind die Lieder mitsingen kann, ist so ein Film natürlich trotzdem ein Ereignis, eine Selbstfeier der eigenen Tradition und der "exception culturelle". In Berlin ist das nur eine ganz gewöhnliche Berlinale-Eröffnung.

Die Rache der Constantin

Überschattet wurde die noch durch einen Angriff unter die Gürtellinie: Pünktlich zum Auftakt erschien am Montag im "Spiegel" ein anonymer Text, in dem Berlinale-Chef Dieter Kosslick zum "Flopmacher" erklärt wurde. Begründung: Die deutschen Wettbewerbsfilme des vergangenen Jahres hätten zusammen nur 200 000 Zuschauer gehabt. Hämisch war vom "Prekariat des Kinos" die Rede. Der Artikel sorgt im Hintergrund für erheblichen Ärger, zumal der anonyme Autor in dem Text kurzerhand Oskar Roehlers "Elementarteilchen" vergessen hat, der nach seiner Wettbewerbsteilnahme allein rund eine Million ins Kino lockte.

Kosslick nahe stehende Beobachter sprachen von der "Rache der Münchner Firma Constantin". Diese hat bekanntlich gute Beziehungen zum Spiegel: Constantin-Chef Bernd Eichinger verfilmt das RAF-Buch von Chefredakteur Stefan Aust, und zufällig hatte Kosslick Marco Kreuzpaintners Film "Trade -­ Willkommen in Amerika", an dem auch die Constantin beteiligt ist, nicht in den Wettbewerb geladen.

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