Sex als Selbstzerstörung

- Tagsüber arbeitet Maria als Bibliothekarin. Wenn es dunkel wird, sucht sie sich Männer, jede Nacht einen anderen. Sex ist für sie eine Droge wie für andere Heroin, und längst geht es nicht mehr darum, dass sie diese verschiedenen, meist wildfremden Männer irgendwie glücklich machen würden. Sie braucht einfach ihre Dosis.

Thomas Durchschlags "Allein" entstanden im Umkreis der "Kölner Kunsthochschule für Medien" und, uraufgeführt bei den Hofer Filmtagen, beschreibt die Arbeit eine psychische Krankheit, die medizinisch Borderline-Syndrom genannt wird. Denn nicht nur Sex ist für Maria ein Mittel zur Selbstzerstörung. Sie verletzt sich auch körperlich selbst, nimmt Tabletten und Alkohol im Übermaß und verstößt die Menschen, die ihr zu nahe kommen. Je besser man sie kennen lernt, umso weniger kann man irgendetwas ausschließen, auch nicht, dass sie sich eines Tages tötet.

Sucht und Sehnsucht nach dem Exzess

Eine große Stärke von Durchschlags Film ist, dass er nicht psychologisiert. Es wird nicht erklärt, warum Maria ist, wie sie ist, keine Vorgeschichte wird aufgerollt, kein Ursprungstrauma irgendwann per Rückblick enthüllt. Die sehr kontrollierte Kamera Michael Wieswegs folgt ihr einfach ruhig durch ihr Leben. Das könnte sich ändern, als sie eines Tages Jan (Maximilian Brückner) trifft, den ersten Mann, der ihr wirklich etwas bedeutet. Doch immer wieder überwiegt die Sucht, die auch Sehnsucht nach einem anderen Leben, nach dem Aufgehen im Exzess ist, nach einer Freiheit, die zwar nicht glücklich macht, aber doch schwerer wiegt als eine spießige Normalität.

So entscheidet sich "Allein" nicht, welches Leben das bessere ist, sondern bleibt seiner Hauptfigur auch in ihren Widersprüchen treu. Dass Maria nicht glücklich ist, ist klar, ob Jan der Richtige für sie ist, schon weniger, ob ihr auf Erden überhaupt zu helfen ist, aber bleibt offen.

Die größten Stärken des Films sind seine Darsteller: Lavinia Wilson ist großartig und findet immer eine kleinere, zarte Geste, wo Pathos unangebracht wäre. Und Richy Müller, der bereits für Rainer Werner Fassbinder und Christian Petzold arbeitete, bringt als Wolfgang eine Abgründigkeit anderer Art in den Film, eine Bosheit, die immer präzise ist. So lebt Durchschlags Film von seinem Mut zur Reduktion und zur Konzentration. In kurzen, klaren Szenen erzählt er viel von unserer Zeit.

(In München: Atlantis.)

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