Das sezierende Auge der Kamera

München - Der Blick ist schärfer geworden: Das deutsche Kino auf dem Filmfest eint heuer die teils schonungslose Offenlegung von Zwischenmenschlichem.

Als sei die Kamera ein Mikroskop - so arbeiten einige, gerade junge deutsche Regisseure aktuell. Dieses Mikroskop richten sie auf menschliche Beziehungen, sie zoomen sich heran an ihre Protagonisten und zeigen sie in ihrem sozialen Umfeld. Das kann mitunter ziemlich erbarmungslos sein, denn es sind auffallend oft die Härtefälle, die die Regisseure interessieren: "Das junge deutsche Kino registriert Orientierungslosigkeit, zunehmende Neurosen und aus Sinnleere geborene Gewalt", fasst Ulrich Maass, der die Reihe kuratierte, zusammen.

Letzteres gilt etwa für "Sieben Tage Sonntag", den ersten Spielfilm von Niels Laupert. Dieser beruht auf der wahren Geschichte zweier Jugendlicher, die aus einer Laune heraus einen Mord begehen. Gewalt, allerdings nicht permanent offenliegend, ist auch ein Motiv, das Hans Steinbichlers "Autistic Disco" durchzieht (Sa., Maxx, 16.30 Uhr). Nach "Hierankl" und "Winterreise" ist der Regisseur hier wiederum ganz in Bayern. Er erzählt von einem Resozialisierungsprojekt, das auf einer Alm im Berchtesgardener Land allmählich, aber unaufhaltsam auf eine Katastrophe zusteuert. Der Film, den Steinbichler gemeinsam mit Studenten des Salzburger Mozarteums erarbeitet hat, ist eine Fingerübung, was auch stets zu merken ist. Dennoch entwickelt "Autistic Disco" eine eigene, unheilvolle Atmosphäre, die ebenso abstößt wie bannt. Die bedrohliche Situation zwischen den Jugendlichen spiegelt sich dabei in unheilvollen Naturbildern wider. Nicht oft wirkte das Berchtesgadener Land derart angsteinflößend. Ein Eindruck, den die unbarmherzige, abrupte Musik verstärkt.

Im Ungewissen landet auch Sven Lehnert. Der von Alexander Fehling gespielte junge Mann leistet seinen Zivildienst in der Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz. Sein Film "Am Ende kommen Touristen" ist nicht in der Geschichte beheimatet, vielmehr stellt Regisseur Robert Thalheim die Frage "nach der Auswirkung der Vergangenheit auf das Leben und den Alltag der Menschen an diesem Ort". Ihm und seinem Hauptdarsteller gelingt es, die zwiespältigen Gefühle, mit der sich gerade junge Deutsche im ehemaligen Vernichtungslager konfrontiert sehen, sensibel auf der Leinwand darzustellen. Thalheim, der selbst seinen Zivildienst in Auschwitz geleistet hat, ist wohl der erste deutsche Regisseur, der die NS-Vernichtungspolitik so konsequent aus dem Blickwinkel der Gegenwart erzählt. Obwohl die Geschichte fiktiv ist, hat sie dennoch dokumentarischen Charakter. Reine Dokumentation, die jedoch zunächst geschickt inszeniert wirkt, hat Steffen Jürgens präsentiert. Für "Der Generalmanager" hat er Martin Baldauf, den ehemaligen Manager von Lolo Ferrari beobachtet. Als diese starb, machte sich der damals Anfang 20-Jährige auf Ersatzsuche. Der Film, der stellenweise mit den Methoden der Papparazzi arbeitet, lebt vom bizarren Charakter des Porträtierten: Baldauf ist ein überdrehter, nerviger, von sich selbst überzeugter Vertreter der Unterschicht, sich an seiner scheinbaren Wichtigkeit besaufend.

Auch Pia Marais berichtet aus der Welt der weniger Privilegierten: "Die Unerzogenen" heißt ihr sehenswerter Film, in dem sich die 14 Jahre alte Stevie gegen ihre Eltern und deren Freunde zu behaupten versucht, die Lebenszeit mit Hilfe von Drogen, Alkohol, Schlaf und Sex niederringen. Die Regisseurin erzählt ohne bloßzustellen und kann sich zudem auf ihre Schauspieler verlassen.

Für Humor in der deutschen Reihe zeichnet Marcus H. Rosenmüller verantwortlich. Der bayerische Regisseur erzählt in "Beste Zeit" herzhaft komisch, wie die 17-jährige Kati im Dachauer Land erwachsen wird. Leise, verträumte und nachdenkliche Akzente setzt er dabei klug, seine wunderbaren Darsteller, darunter Andreas Giebel, spielen mit großer Freude. Der Film macht Laune.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Kambodscha verbietet Veröffentlichung einer Hollywood-Komödie
Ein Film, der die Zuschauer zum Lachen bringt, soll „Kingsman: The Golden Circle“ sein. Das wird er allerdings in Kambodscha nicht schaffen.
Kambodscha verbietet Veröffentlichung einer Hollywood-Komödie
Und sie ist weg - Der deutsche Kinderfilm bekommt eine Superheldin
Sue kann sich unsichtbar machen und muss ihre entführte Mutter retten: In Thüringen entsteht der erste deutsche Kinderfilm mit einer Superheldin als Hauptfigur. Ein …
Und sie ist weg - Der deutsche Kinderfilm bekommt eine Superheldin
Star Wars 8: Das verrät der neue Trailer
Ein neuer Trailer zu Star Wars: Episode VIII ist da. Luke Skywalker kehrt zurück. Hier finden Sie die Analyse zum neuen Trailer von „Die letzten Jedi“.
Star Wars 8: Das verrät der neue Trailer

Kommentare