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Der Film "Anonymus" kommt am Donnerstag (10.11.11) in die deutschen Kinos.

War Shakespeare wirklich ein Betrüger?

München - Ein starkes Stück wäre das schon: Hat William Shakespeare am Ende seine Dramen gar nicht selbst geschrieben? Im Film „Anonymus“, der heute anläuft, behauptet Roland Emmerich genau das. Die These ist nicht neu – für Zunder sorgt sie aber allemal.

Seins oder nicht seins, das ist hier die Frage: Geht das Oeuvre von William Shakespeare wirklich auf das Konto des Schauspielers aus Stratford-upon-Avon? Sollte dieser Sohn eines Analphabeten, dieses Landei, dieser Dorfschüler, tatsächlich die bedeutendsten Dramen aller Zeiten verfasst haben? Hat er oder hat er nicht?

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Er hat nicht, behauptet Regisseur Roland Emmerich. Der gebürtige Schwabe, der bisher mit Vorliebe die moderne Welt in Science-Fiction-Spektakeln in Schutt und Asche legte, vertritt in seinem neuen Film „Anonymus“ die These, dass in Wahrheit Edward de Vere, der 17. Earl of Oxford, die weltberühmten Stücke geschrieben hat. Und den Schauspieler aus Stratford nur als Strohmann benutzte. War Shakespeare also ein Schwindler? Ein Fakespeare? Mit dieser Provokation hat Emmerich in England wütende Proteste ausgelöst. Aber auch in Frankfurt ging es jüngst hoch her – bei einer Podiumsdiskussion zum Thema: „Wo Shakespeare draufsteht, ist nicht unbedingt Shakespeare drin!“

Bei dieser Debatte kämpfte Kurt Kreiler, Autor des Buches „Der Mann, der Shakespeare erfand“, an Emmerichs Seite. Den Oxford-Fans gegenüber saßen zwei überzeugte Anhänger des bärtigen Barden aus Stratford: der preisgekrönte Shakespeare-Übersetzer Frank Günther sowie Tobias Döring, Präsident der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft.

Diskussionsleiter Hellmuth Karasek konstatierte, dass es mittlerweile rund 5000 Bücher gebe, die die Autorschaft des Mannes aus Stratford in Zweifel zögen. Er verwies auf eine englische Zeitungskritik über eine grauenhafte Shakespeare-Inszenierung vor etwa 20 Jahren, in der es hieß: „Nun könnte man die Autorenfrage problemlos klären – man müsste dazu nur Shakespeares Grab öffnen. Wenn er sich umgedreht hat, dann ist er der Verfasser der Stücke!“

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Zu Beginn der Diskussion lobten alle Teilnehmer einhellig Emmerichs Film: Karasek fühlte sich an Milos Formans Mozart-Drama „Amadeus“ erinnert, Günther nannte „Anonymus“ einen „schönen historischen Fantasyfilm“, und Döring fand ihn „großartig, spannend und eines Shakespeare würdig, weil er sich ähnliche historische Freiheiten herausnimmt – auch Shakespeare hat sich die Fakten so zurechtgebogen, wie er sie brauchte.“ Emmerich stellte klar, dass er sich keineswegs anmaße, die Wahrheit zu verkünden – er biete nur eine mögliche Variante an. Aber für ihn komme der Mann aus Stratford als Autor nicht in Frage: „Da gibt es zu viele Widersprüche. Wieso findet sich zum Beispiel in Shakespeares Nachlass kein einziges Buch? Und warum hat sein Schwiegersohn in seinem Tagebuch mit keinem Wort erwähnt, dass sein Schwiegervater ein Schriftsteller war?"

Günther wandte ein, die angeblichen Widersprüche beruhten ausschließlich auf einer falschen Vorstellung von einem Dichter: „Viele meinen, alle Poeten müssten so sein wie auf dem Bild von Spitzweg.“ Warum sollte nicht auch ein Mann aus einfachen Verhältnissen ein literarisches Genie sein können? „Das bestreite ich gar nicht“, entgegnete Kreiler. „Aber die Figuren in diesen Dramen sprechen in einer Hochsprache, die sich für einen Mann aus dem gemeinen Volk kaum imitieren lässt.“ Zudem sei die Großzügigkeit des Autors, die aus jeder Zeile spreche, nicht wiederzufinden bei dem Mann in Stratford, der wie eine kleinliche Krämerseele wegen ein paar Pennys vor Gericht gezogen sei. „Und noch schwerer wiegt, dass von ihm keine einzige literarische Zeile überliefert ist, nur ein paar Unterschriften.“

Im Wesentlichen folgt „Anonymus“ Kreilers Thesen zur Autorschaft des Grafen von Oxford. Doch Emmerich geht noch einen entscheidenden Schritt weiter: Er serviert zusätzlich eine monströse politische Verschwörung, die fast aus einem Historiendrama von Shakespeare stammen könnte – und das Werk des Dichters in der Wirklichkeit spiegelt. Die Intrige basiert auf der aberwitzigen Idee, dass die – offiziell kinderlose – Königin Elisabeth I. mit ihrem eigenen Sohn noch ein Kind zeugte. Bei seinen Recherchen in der elisabethanischen Schlangengrube stieß Emmerich auf zwei weitere Inzest-Vermutungen, die allerdings in seinem Film keinen Platz mehr fanden. „Vielleicht sollte ich daraus eine Fernsehserie à la Tudors machen“, grinste er.

Die übrigen Diskussionsteilnehmer wollten freilich schon nicht akzeptieren, dass Edward de Vere der wahre Shakespeare sei. „Wie wollen Sie denn erklären“, fragte Karasek, „dass nach dem Tod des Grafen von Oxford noch elf Shakespeare-Stücke erschienen sind, die allesamt aktuelle politische Anspielungen enthalten?“ Günther fügte an, dass der Earl auch eigene – allerdings minderwertige – Werke publiziert habe. Das werfe die Frage auf, warum jemand seine schwachen Ergüsse unter eigenem Namen veröffentlichen und seine genialen Stücke hinter einem Pseudonym verstecken sollte. Kreiler, der selbst Gedichte des Grafen übersetzt hatte, ereiferte sich: Die Werke von Edward de Vere seien keineswegs von minderer Qualität.

Fortan flogen die Fetzen – die Debatte wurde mit zunehmendem Eifer und Geifer geführt. Kreiler fühlte sich durch Günthers sarkastische Bemerkungen persönlich angegriffen und giftete zurück: „Sie halten mich doch für blöd! Dabei können Sie selber nicht lesen!“

Als Emmerich sah, was er mit seinem Film für ein Feuer entfacht hatte, entfuhr ihm ein begeistertes „Wow!“ Kreiler ließ indes nicht locker: „Welchen Narren haben Sie bloß an diesem Typen aus Stratford gefressen? Was gibt er Ihnen?“, fauchte er in Richtung Günther. Der konterte trocken: „Nichts! Glauben Sie mir: Wenn ich als Übersetzer einen brillanten Text vor mir habe, ist es mir vollkommen egal, ob ihn ein Graf geschrieben hat oder ein Fotograf!“ Einer hätte gewiss großen Spaß an diesen Wortgefechten gehabt: Shakespeare – wer auch immer das gewesen sein mag.

Von Marco Schmidt

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