Das Sichtbare verwandeln

- "Wir waren arrogant, sehr selbstbewusst ­ und originell." Es war ein Erlebnis, als Arthur Penn von seiner großen Zeit erzählte, jenen frühen Sechzigern, als er und andere seiner Generation im krisengeschüttelten Hollywood das Zepter übernahmen und mit der US-Filmindustrie auch das Weltkino umkrempelten. Filme wie "Bonnie and Clyde" (1967) und "Little Big Man" (1970) machten Filmgeschichte und veränderten Amerika. Gestern wurde Arthur Penn für sein Lebenswerk mit einem "Ehrenbären" ausgezeichnet. Am Abend zuvor ließ er bei einem Gespräch in der Deutschen Kinemathek über eine Stunde lang sein Leben und Werk Revue passieren.

"Das Publikum soll teilnehmen, nicht bloß beobachten."

Arthur Penn

"Was Filme besser als alle andere Kunst der Welt vermögen: Sie verwandeln das Sichtbare in ein inneres Erlebnis. Mein Ziel und mein Kinoverständnis sind immer gewesen: Das Publikum soll visuell teilnehmen, nicht bloß beobachten. Das bedeutet Movies, Bewegung, das ist alles, worum es im Kino geht." Wer Penn in Berlin erlebte, sah einen lebendigen, hellwachen Gentleman im eleganten Anzug, mit britischer Weste und offenbar noch exzellentem Gehör, der mehr als einmal Geräusche aus den Nebenräumen ironisch aufgriff und zum Anlass für einen Scherz nahm. Man konnte kaum glauben, hier einen 85-Jährigen vor sich zu haben: Mit seinem hageren Gesicht, dem immer noch vollen schwarzgrauen Haar und seinen elastischen Bewegungen wirkt der Mann gut 15 bis 20 Jahre jünger.

1922 wurde er in Philadelphia geboren, eine eher unglückliche Kindheit, von der Penn freimütig erzählte: "Als ich drei Jahre alt war, ließen sich meine Eltern scheiden. Ich war zuerst bei meiner Mutter, aber die konnte sich nicht richtig um mich kümmern. Darum lebte ich bei anderen Familienmitgliedern, meinen Vater sah ich gar nicht, meine Mutter nur unregelmäßig. Aber als ich 14 war, sagte meine Mutter: ,Du solltest einen Mann um Dich haben’ und schickte mich zu meinem Vater. Doch wir waren Fremde füreinander und blieben es. Er war von meinem Bruder ­ dem berühmten Fotografen Irving Penn ­ beeindruckt, der früh Erfolg hatte, und nicht so sehr von mir. Wir haben den Konflikt nie gelöst. Ich wünschte, wir wären besser miteinander zurecht gekommen."

In den 50er-Jahren begann Penn beim Fernsehen. Das wurde damals live produziert, und Penn berichtete von heute schier unvorstellbaren Produktionsbedingungen: "Wir probten ein paar Mal mit den Darstellern, entwarfen einen groben Ablauf, um zu sichern, dass man nie Kameras sah, und dann nahmen wir eine Spielhandlung live mit mehreren Kameras auf. Sie hatten je vier Linsen, und über Mikrofon gab man Anweisung, mit welcher Linse aufgenommen wurde." Kameras fielen aus, Darsteller versprachen sich ­ eine Schule, die sich lohnte: "Was man im Fernsehen lernte, war, mit Bildern zu erzählen statt mit Dialogen, Mut zu haben und zu improvisieren" ­ Fähigkeiten, die sich bald auszahlten.

"Wir sind mitten im dümmsten Krieg seit langer Zeit."

Arthur Penn

Als Penn 1958 mit "The Left Handed Gun" seinen ersten Spielfilm drehte, war Hollywood durch den Erfolg des Fernsehens bereits in der Krise, und die Studios heuerten junge Regisseure wie Penn an, um vom Fernsehen zu lernen. "Man rannte zunächst gegen eine Mauer aus Orthodoxie. Es hieß immer: ,Wir machen das so und so, das haben wir immer schon so gemacht etc. Zeitlupen waren zum Beispiel verboten.’"

In den 60ern lösten sich viele Zwänge und mit den alten Studios auch der rigorose "Production-Code" in nichts auf. Penn profitierte von der neuen Freiheit. "Vom Japaner Kurosawa habe ich viel gelernt und von den Franzosen der ,Nouvelle Vague’." Und auch in seinen Filmen zeigte er Menschen, die Tabus brechen, sich Freiheit erkämpfen. In "Bonnie und Clyde" konnten das Gangster sein ­ eine Hommage an das Gangsterkino wie "Night Move" (1975) an den Film Noir und "Little Big Man" an den Western. Aber immer nimmt sich Arthur Penn die Freiheit, die Perspektive ein bisschen zu drehen, hin ins Gegenwärtige und damit Politische: "Wir waren in den 60ern im Krieg, und darum ist die Gewalt meiner damaligen Filme natürlich auch eine Kritik an der Gewalt von Vietnam. Es war wie heute, wo wir mitten im dümmsten Krieg seit sehr langer Zeit stehen."

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