Die Sinnlichkeit der Revolution

- Der elfjährige Gonzalo, Chilene aus gutem Hause, geht ins Gymnasium. Man trägt Schuluniform, doch die Patres sind sozial engagiert und längst nicht so konservativ wie das Umfeld der meisten Jungen. Gonzalo ist kein Außenseiter, aber auch nicht so forsch und rauflustig wie viele seiner Klassenkameraden. Man glaubt schon früh eine gewisse Distanz zu bemerken, zu sehen, dass er sensibler ist, nachdenklicher. Er ist ein Beobachter. Und durch seine Augen sehen wir, was nun passiert.

<P>Eines Tages kommen neue Schüler in die Klasse. Sie tragen keine Uniform, und sie sehen anders aus, einige von ihnen sind indianischer Herkunft. Sie stammen aus den Slums, ein Stipendium hat es ihnen ermöglicht, die Schule zu besuchen. "Ihr seid nun companeros", sagt der Pater. Einer von ihnen heißt Machuca. Gonzalo und er freunden sich an. <BR><BR>Indem Gonzalo die wohlbehüteten Räume der heimischen Villa zeitweise mit den Slums vertauscht, ist "Machuca" auch die Geschichte einer Entfremdung. Die Freundschaft wird für Gonzalo zunächst zur Entdeckung einer anderen Lebensform, einer Gegenwelt. Dazu gehört Silvana (Manuela Martelli), die ebenfalls in den Slums wohnt. Sie ist frech, furchtlos, provoziert die beiden Jungen nicht nur durch die Dosenmilchküsse, die sie mit ihnen austauscht. Im Hin und Her zwischen den Dreien, der unausgesprochenen Eifersucht der Freunde, wird der Film zur jugendlichen Variante von "Jules und Jim". <BR><BR>Nach der Schule besuchen die drei Demonstrationen. Diese Passagen gehören zu den Höhepunkten des Films: Als die ganze Straße zu hüpfen beginnt, die Menge wogt, da wird auch Gonzalo mitgerissen. Musik setzt ein, und wir wissen, dass er gerade den endgültigen Abschied von der Kindheit vollzogen hat. Revolution, das spüren wir da, hat etwas mit Jugend, mit Pubertät, mit Sex zu tun, ist körperlich, sinnlich. Ideen sind ästhetisch geworden, Augenblicke reiner Sehnsucht. Eine Coming-of-age-Geschichte aus Chile vor dem Hintergrund des Jahres 1973, jenes kurzen Sommers, der mit dem faschistischen Putsch des General Pinochet endete. <BR><BR>Ein Film voller wunderbarer Momente, zugleich voller Melancholie. Kino als Lektion der leisen Töne, elegant erzählt, mit hervorragenden Darstellern. Das Porträt eines instabilen Glücks, einer nervösen Welt im Übergang. Andrés Woods Oscar-nominierter Film zeigt zugleich, wie Klassenkonflikte und politische Kämpfe sich anfühlen. Vor allem aber ist "Machuca" ein Film über die Kindheit, ihre Wunder wie ihre Schrecken. Der Blick Gonzalos ist nicht unschuldig, sondern unerbittlich. Er weiß mehr, als er versteht. Und spürt zum ersten Mal, was es heißt, moralisch zu versagen und dies nicht wieder gut machen zu können. <BR><BR>(In München: Rottmann, Theatiner i.O.).<BR><BR>"Machuca, mein Freund"<BR>mit Matías Quer, Ariel Mateluna<BR>Regie: Andrés Wood<BR>Hervorragend </P>

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