Sisyphos von Hollywood

Das Phänomen Sylvester Stallone: - Er ist das Stehaufmännchen Hollywoods. Sylvester Stallone, der inzwischen 59-jährige italoamerikanische Darsteller, der als "Rocky" berühmt wurde, als "Rambo" provozierte und nach diversen, zumeist gröberen Action-Reißern ("Demolition Man") zuletzt seine oft unterschätzte Darstellungskunst auch in anspruchsvolleren Filmen unter Beweis stellte.

Jetzt macht er nach mehreren Karriereknicks den Satz aus der Boxerwelt wahr, dass jeder große Champ noch einen weiteren Kampf in sich hat, und kommt zurück in der Rolle seines Lebens. Zum sechsten Mal spielt Stallone in "Rocky Balboa" den Boxer, der es gegen alle Wetten mit einem übermächtigen Gegner aufnimmt.

1976 landete der damals arbeitslose, völlig unbekannte Schauspieler mit seiner selbst geschriebenen Geschichte eines Nobody, der es allen zeigt und Boxweltmeister wird, einen legendären Erfolg. Vor allem dieser erste "Rocky", auf den vier weitere "Rocky"-Filme folgten, ist Stallone nach eigener Aussage "autobiografisch sehr nahe. Außer, dass sich keiner für die Probleme eines Schauspielers interessiert. Ein Boxer ist da viel interessanter, schon visuell." Beim fünften Mal allerdings zerstörte Stallone die selbst geschaffene Kultfigur. Der Film floppte kläglich, und Stallone schien weg vom Fenster. Nichts war uninteressanter als ein gealterter Action-Star aus den 80er-Jahren, dem auf der Leinwand die Selbstironie eines Arnold Schwarzenegger fehlte.

Doch "Sly" überraschte alle. Plötzlich zeigte der einstige "Italian Stallion" (italienischer Hengst) seine sensible Seite: Im melancholischen "Copland" spielte er 1998 den tumben Dorfpolizisten Freddy, der nicht so clever, aber ehrlicher als seine Kollegen eine Gruppe korrupter Ordnungshüter zur Strecke bringt. Sein nuanciertes Spiel rang vielen Bewunderung ab. In "Get Carter", Stephen Kays beachtlichem Remake des Mike-Hodges-Klassikers von 1971, war er 2001 der Titelheld in den Fußstapfen von Michael Caine. Ironisch war dann 2004 der Auftritt als Bösewicht in Robert Rodriguez‘ "Spy Kids 3: Mission 3-D".

"Ich liebe Comebacks. Das ganze Leben geht ums Comeback", sagt er heute, nachdem er mit "Rocky Balboa", bei dem er auch Regie, Drehbuch und Produktion übernahm, in den US-Charts weit aufwändigere Produktionen in den Schatten stellte. Wie manch andere Auftritte Stallones zeigen die "Rocky"- Filme einen Mann, der sich aus dem Nichts erschaffen hatte. In der Gesamtheit von nunmehr sechs Folgen ist dies ein archetypisches Kino-Epos mit archetypischen Bildern, von einem, der immer wieder zu Fall kommt ­- durch andere wie durch sich selbst ­-, aber immer wieder aufsteht.

Eine Sisyphos-Geschichte, ein körperlicher Film, das Antistück zum Kino-Intellektualismus, der auch im Actionfilm längst verbreitet ist. Und zugleich ein Gegenwarts-Mythos: Wenn im neuen Film nach einer langen Dreiviertelstunde "Es war einmal"-Nostalgie endlich Bill Contis legendärer Song "Gonna Fly Now" einsetzt, und Stallone/Rocky die Jogginghose anzieht, auf Schweinehälften eindrischt, bergauf die steile Treppe zum Philadelphia Museum of Art läuft und die Faust in die Luft reckt, dann ist der Film bei sich. Das wollen alle sehen.

Warum das schlichte Rezept wieder funktioniert, ist kein Geheimnis Stallones: "Rocky Balboa" ist nicht nur seine persönliche Variante der Geschichte vom amerikanischen Traum. Es ist auch ein Film über das Altern in Würde, die Feier des "Noch einmal", getragen von der Sehnsucht nach alten Kinozeiten und gewürzt mit starken, etwas altmodischen, aber nicht dummen Sprüchen wie: "Es kommt nicht darauf an, wie hart man zuschlagen kann, es kommt nur darauf an, wie viele Schläge man einstecken kann." Eine Legende zelebriert sich selbst und feiert ihr -­ vorerst -­ letztes Comeback. Wir müssen uns Stallone als einen glücklichen Menschen vorstellen.

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