Sklave, Handelsklasse A

- "Wir müssen bei den Kindern den Killerinstinkt fördern. Sonst macht's ihnen keinen Spaß", sagt pädagogisch fürsorglich Germanikus, der Roms Nachwuchs in einer Gladiatorenschule betreut. Da kann dann schon mal das Ohrwaschel eines Konsul-Sprösslings draufgehen.

<P>Dass ein Mensch in der totalen Konsumgesellschaft, im ungezügelten Kapitalismus nichts wert ist, gerade weil sich sein Wert nur im Diridari bemisst ("Qualitätssklave aus artgerechter Haltung, Handelsklasse A"), das versuchen Gerhard Polt und Hanns Christian Müller (Drehbuch zusammen mit Hans Weth und Franco Ferrini) in ihrem Sandalen-Film "Germanikus" ins Kino zu bringen. In einen urkapitalistischen Raum also, wo vor allem Blockbuster zählen, PR-Feldzüge, Einspielergebnisse, und Stars in Gold aufgewogen werden. Kunst ist nur das Feigenblättchen einer knallharten Unterhaltungsindustrie.</P><P>Das Schlitzohr aus Sumpfing</P><P>Davon verstanden die alten Römer allerhand, sie lieferten zum Beispiel jene Sadistereien, die jetzt Mel Gibson dollarträchtig für seinen Passions-Film ausschlachtet. Hollywood und Rom: eine perfekte Symbiose. Diese funktioniert bei Sumpfing nur bedingt. Dort, in einem Hüttendorf im Germanenwald, lässt sich's Hermann gut gehen, zieht lieber nicht in den Krieg, sondern schützt/schwängert daheim die Frauen. Dem Römer begegnet er vorzugsweise in Form einer Geisel, für die man Lösegeld kriegen könnte, oder eines Trinkgefäßes, damals noch die Schädelschale des geschätzten Feindes. Trotz aller Vorsicht verschlägt das grimme Schicksal den schlitzohrigen Sumpfinger alias Gerhard Polt doch ins perfide Rom.</P><P>Der Meister im Durchlavieren schafft's dort vom einfachen Fächler-Sklaven ("Nicht füttern!") zum Lieblingsdiener seiner Herrin und Ex-Germanin Tusnelda (Gisela Schneeberger) _ die, verliebt in den Landsmann, sogar "Chianti Classico Jahrgang 84" springen lässt _ und dann zum römischen Kaiser. Da verzichtet der Privat-Anarchist doch glatt auf die Herrschaft, um mit seiner schwarzen Schönheit Saba (Sylviane Aissatou Thiam) heimzufahren _ sie hatte ihn mit dem "Programm Imperial" im Puff verwöhnt.</P><P>"Germanikus" erzählt eine herrlich blödsinnige Geschichte in hanebüchener Ausstattung - Polt im kleinen Weißen! -, mit knarzender Schauspielkunst und vielen bös-komischen Gags. Pech, wer "Cave Canem" nicht versteht und einem Molosser-Kampfhund begegnet . . . Genauso wie "Diridari" oder "Tschurangrati" keine fein gedrechselten Dramen waren, ist dieser Film kein cineastisches Gustostückerl. Die satirische Schärfe mit ihrem bitteren, zynischen Nachgeschmack hinter der Groteskmaske des Grellen ist aber original Gerhard Polt.</P><P>In der Rahmenhandlung gibt er als die Figur, die man von Bühnen- und Fernsehsketchen her intim kennt, einen hintersinnigen Tipp: "I fress nur die Verpackung." Und verputzt mit Tacitus-Sauce den mikrowellen-gegarten Römertopf - nicht den Inhalt. Innen-Außen-Relationen illuminiert Philosoph und Bayerischer Literaturpreisträger Polt mit Wegwerf-Nahrung und Wegwerf-Menschen heute und antik ("der Sklave nicht zum Biomüll, gell"), um dann doch noch den versöhnlichen Bogen zum Glauben zu schlagen: zum Glauben an ein Produkt natürlich, der Insolvenz-Berge versetzen soll. Passt das nun mehr zu Gibson oder mehr zu Germanikus? (In München: Mathäser, Marmorhaus, Gabriel, Münchner Freiheit.)</P><P>"Germanikus"<BR>mit Gerhard Polt, Gisela<BR>Schneeberger, Rufus Beck<BR>Regie: Hanns Christian Müller<BR>Sehenswert</P>

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