Sonntagstee beim Häuptling

- Ein Taugenichts, der sein Glück als Spanner, Anmacher und in Selbsthilfegruppen für Sexsüchtige sucht und es dann findet, als er zum Darsteller eines Pornofilms wird. Ein gestresster, rotgrüner Staatssekretär, der sein politisches Heil im Streben nach dem europäischen Dosenpfand sucht, derweil ihm daheim Frau und Sohn entgleiten. Schließlich Martin, der sich Agnes nennt, ein Transsexueller, der in Rotlichtbars tanzt, an einer 08/15-Beziehungskrise verzweifelt, seiner amerikanischen Liebe nachträumt und überdies schwer krank ist.

<P>Es ist schon ein bizarres Brüdertrio, das Regisseur Oskar Roehler hier versammelt hat. Und über allem thront der alte Vater, gespielt von Roehlers immer wiederkehrendem Kino-Papa Vadim Glowna: sterbensmüde, mit indianerhaft wallendem weißen Haar, ein böser 68er-Häuptling.</P><P>Die Familie - ein Horrorkabinett. Gleich doppelt gespiegelt erlebt man es in "Agnes und seine Brüder", einer abgrundtief schrägen Gesellschaftsfarce: zunächst in der öden Ehe von Politiker Werner (Herbert Knaup). Mitleid hat man mit diesem Trottel: Wer will schon gern mit einer frigiden Zicke verheiratet sein? Es ist bewundernswert, was Roehlers Inszenierung hier bei der oft überschätzten Katja Riemann freilegt. Weil auch der Sohn (Tom Schilling) nach der Mutter gerät, findet Werner Liebe und menschliche Wärme nur noch bei seinem Hund.</P><P>Über all das, was schon für einen eigenen Film ausgereicht hätte, zieht sich das emotionale Netz zwischen dem Vater und den drei Söhnen, die regelmäßig zum Sonntagstee beim Alten antanzen, den sie hassen, fürchten und von dem sie doch nicht loskommen. Böse, bitter - doch immer spürt man das göttliche Gelächter des Regisseurs aus dem Hintergrund. Die Familie war schon immer sein Thema: Nach der Mutter-Beziehung ("Die Unberührbare") und dem Vater-Verhältnis ("Alter Affe Angst") schraubt sich Roehler nun eine Ebene höher: keine persönlichen Geschichten, sondern ein Panorama über die Kinder von 1968 - Liebe und Leben in Zeiten der Schröder-Ära.</P><P>Dieses Panorama ist so hysterisch wie die Bundesrepublik der Gegenwart, zugleich kühl notiert, wie man es im deutschen Kino sonst nur bei Helmut Dietl erlebt. Roehler entlarvt alle Spießerlügen und beweist einmal mehr, dass er zu den besten deutschen Regisseuren gehört. Seine Filme handeln immer - über die Storys hinaus - auch vom Kino und seinen Mythen. Darum darf man bei diesem wilden, kompromisslosen Kino auch an Bergman und vor allem Fassbinder denken.</P><P>"Bigger than life", darunter geht's nicht bei diesem exzessiven Filmemacher, der sich jederzeit ganz und gar riskiert. Bis in die Nebenrollen - etwa mit der hinreißenden Loretta Stern als Journalistin, mit Marie Zielke und Martin Semmelrogge - ist "Agnes und seine Brüder" toll besetzt. Und wenn sich etwas gegen den Film sagen lässt, dann, dass er sich manchmal verzettelt, dass ihm der lange Atem letztlich fehlt. Ansonsten ist alles das reine Vergnügen. </P><P>"Agnes und seine Brüder"<BR>mit Moritz Bleibtreu, Herbert Knaup, Martin Weiß<BR>Regie: Oskar Roehler<BR>Hervorragend </P>

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