Sophie, die Hutmacherin

- In grellen Farben explodiert die Welt. Oder sie strahlt ganz sanft und pastellig. Oder wird bedeckt von einer unförmig-braunen Masse. Die Gefühle materialisieren sich in diesen Filmen. Kleine weiße Kobolde hausen im Wald, Feuergeister halten das Haus warm. Jedem Ort wohnt ein Zauber inne, ein Geheimnis. Nichts ist, wie es scheint. So muss es im Paradies aussehen. Und in der Hölle. So sieht das Leben aus.

Hayao Miyazaki, bei uns in den 70er-Jahren durch die TV-Serie "Heidi" bekannt geworden, ist der unbestrittene Meister der japanischen Animes und der wichtigste und populärste Filmemacher Japans. Seine ungemein detailreichen, extrem fantasievollen Filme sind der ultimative Gegenentwurf zu aseptischer Industrieware wie "Robots" und "Madagascar". Jetzt allmählich wird er auch im Westen entdeckt: Nach "Prinzessin Mononoke" gewann "Chihiros Reise ins Zauberland" 2002 in Berlin den Goldenen Bären. Nun kommt sein neuer Film "Das wandelnde Schloss" ins Kino, mit dem sich Miyazaki einmal mehr als einer der großen Märchenerzähler unserer Tage erweist, als ein Regisseur mit visueller und emotionaler Fantasie, die ihresgleichen sucht.

Die Story, basierend auf einer 20 Jahre alten britischen Novelle, ist in einem fiktiven europäischen Land in einer nicht weniger fiktiven, recht gefährlichen Belle Epoque angesiedelt. In einer Zeit, die aussieht wie Europa um 1900, in der es aber futuristische Flugzeuge und Flächenbombardements gibt. Die Gesellschaft steckt von Anfang an in der Krise, und bald beginnt ein grausiger Krieg.

Im Zentrum aber steht das junge Hutmacher-Mädchen Sophie. Sie lebt ein langweiliges Leben, doch durch Zufall gerät sie in einen Kampf magischer Wesen und wird von einer bösen Hexe verzaubert - in eine alte Frau! In dieser Gestalt trifft sie dann auf den Zauberer Hauro und dessen wandelndes Schloss, eine organische Riesenmaschine.

Mit ihr kämpft Hauro für den Frieden. Doch erst die Liebe Sophies hilft ihm, auch sein eigenes Geheimnis zu lüften. Diese oberflächlich gesehen naive Handlung vermischt sich mit Poesie und Geheimnis, Technik und Gewalt zu einem wilden Patchwork aus europäischer Kulturgeschichte und asiatischer Erfahrung. Das Ergebnis ist eine Fabel für Kinder und Erwachsene, zutiefst humanistisch, lustvoll und mit überbordenden Einfällen erzählt - Kino als tolle Reise in Parallelwelten, als kurioser Hybrid aus Vergangenheit und Zukunft, Geschichte und Utopie, West und Ost.

Dabei ist Miyazaki universell und doch unverwechselbar japanisch: in seiner kaleidoskopischen Erzählweise, in seiner Vorliebe für "starke" Frauen, im Bestreben, einen modernen Mythos zu erzählen, in der friedlichen Harmonie der Gegensätze, die keinesfalls zuckersüße Versöhnung bedeutet. Miyazakis Filme leben von ihrer einmaligen Atmosphäre und vom Mut, scheinbar Unvereinbares doch miteinander zu verschmelzen. Seine Bilder atmen ungeahnte Tiefe, Zartheit und Emotion. Und das Wort Anime bekommt seine Herkunft aus der Anima, der Seele zurück. Hayao Miyazaki ist der Maler des Kinos.

"Das wandelnde Schloss"

Zeichentrick

Regie: Hayao Miyazaki

Hervorragend

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