Späte Liebe

- Menschen jenseits des 60. Lebensjahres kommen heutzutage in Film und Fernsehen nur noch selten vor. Wenn, dann allenfalls als Werbeträger für Corega Tabs oder als Kuchen backende Oma in einer Familiengeschichte. Eine Hauptrolle in einem abendfüllenden Spielfilm wird ihnen nicht zugestanden. So ist also Regisseur Roger Michell für seine Grundidee von "Die Mutter" gar nicht genug zu loben. Im Mittelpunkt des Films steht besagte Mutter: Mae, eine typische britische Hausfrau, hoch in den Sechzigern, hat ihr Leben dem Ehemann und der Kindererziehung gewidmet. Nach dem überraschenden Tod ihres Mannes steht sie auf einmal vor einem Leben ohne Inhalt. Die Kinder sind längst aus dem Haus, haben eigene Familien, Häuser und Probleme. Da passt die alternde Mutter einfach nicht hinein ins hübsch arrangierte Lebensgefüge.

<P>Mae (grandios gespielt von Anne Reid) weigert sich, in der heimischen Provinz "eine dieser alten Damen zu werden, die niemand mehr sieht", und nistet sich kurzerhand bei ihrem Sohn Bobby und ihrer Tochter Paula in London ein. Die Kinder sind peinlich berührt von der Betulichkeit, Provinzialität und Biederkeit ihrer Mutter und wollen sie am liebsten sofort wieder loswerden. Der einzige, der ein Ohr hat für Maes Zukunftsängste, ihre Alltagssorgen, aber auch ihre neuen Pläne, ist Darren (Daniel Craig), ein Freund ihrer Kinder. Die Frau im Herbst ihres Lebens verliebt sich in den jungen Mann _ nur Paula und Bobby erscheint dieser zweite Frühling ihrer Mutter schlichtweg ungehörig. </P><P>Roger Michell zeigt ganz unspektakulär, wie das Bedürfnis der Mutter, sich ihre lange vergessenen Wünsche zu erfüllen, den Rest der Familie völlig vor den Kopf stößt. Trotzdem betrachtet er in seinem sensibel erzählten Spielfilm alle Figuren mit ihren Macken, Ticks und Verschrobenheiten überaus zärtlich. Das war schon in seinem sehr auf Publikumswirksamkeit hin kalkulierten Spielfilm "Notting Hill" mit Julia Roberts und Hugh Grant zu sehen.</P><P>In "Die Mutter" entfaltet Michell nun einen Generationenkonflikt, in dem er erneut sein großes Gespür für feine Nuancen und präzise Beobachtungen beweist. Er zeigt in kleinen Gesten und scheinbar Nebensächlichem, wie eine Familie allmählich zerfällt, wie der Wunsch einer Mutter auf Eigenständigkeit den gesamten Bau eines Clans sprengt, - und entlarvt dabei die angebliche Zusammengehörigkeit als reines Lippenbekenntnis. "Familie, das sind Leute, die füreinander sorgen", erklärte der letzte Walt Disney-Film "Lilo & Stitch". Michell geht noch einen Schritt weiter: Wenn sich die Familienmitglieder nicht mehr füreinander interessieren, dann kann man auch auf sie verzichten, lautet sein Credo. (In München: Arri, Eldorado, Rio, Museum.)</P><P>"Die Mutter"<BR>mit Anne Reid, Peter Vaughan<BR>Regie: Roger Michell<BR>Sehenswert </P>

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