Der Spiegel Amerika

- Jim Sheridan konnte schon immer kleine Geschichten mit großer Geste erzählen. Mit "Im Namen des Vaters" oder "Mein linker Fuß" gelang ihm das scheinbar mühelos. Mit "In America" hat er diese faszinierende Mischung aus berührender Unmittelbarkeit und analysierender Distanz nun perfektioniert.

<P>In mitunter berauschenden Bildern begleitet der Film eine junge irische Familie bei ihrem Exodus ins gelobte Land USA. Dort will sie die Trauer über den Tod des jüngsten Kindes vergessen. In New York angekommen, verfliegen die romantischen Vorstellungen über das Land der unbegrenzten Möglichkeiten allerdings schnell. </P><P>Der Vater (Paddy Considine überzeugt als verzweifelter Luftikus) sucht vergeblich nach einem Engagement als Schauspieler, die Mutter (Samantha Morton mit einer grandiosen Vorstellung) verdient als Kellnerin zu wenig. Und so haust man in einem schäbigen Viertel, wo die Nachbarn, wenn man Glück hat, apathisch sind - oder offen feindselig. </P><P>Die beiden Töchter sind völlig isoliert in dieser neuen Heimat und verstehen nicht recht, weshalb sie hierher kommen mussten und von den Eltern im alltäglichen Überlebenskampf ignoriert werden. "In America" ist Sheridans bislang persönlichster Film und eine Lebensbilanz. </P><P>Das Drehbuch hat er nach autobiografischen Motiven mit seinen zwei Töchtern verfasst und darin nicht zuletzt seine Hassliebe zu Amerika aufgearbeitet. Zwischen Momenten purer Sentimentalität, schwarzen Humors und abgeklärter Resignation balancierend, skizziert Sheridan ein ambivalentes Porträt seiner zeitweiligen Wahlheimat, die so viel Elend bereithält, wie sie Wunder verspricht. </P><P>Aber Sheridan ist fair. Amerika ist für ihn vor allem ein Spiegel, in dem sich jeder so wieder erkennt, wie er ist: Die Mentalität des Landes bringt das Beste und das Schlechteste in den Menschen zum Vorschein. Denn alle, die auf der Flucht vor ihren Problemen und der Hoffnung auf ein erträglicheres Schicksal in die USA kommen, nehmen sich selbst ja mit - und damit die Probleme, denen sie entkommen wollen. </P><P>Dass Sheridan in märchenhafter Manier eine Art Schutzengel (der charismatische Djimon Hounsou) auftreten lässt, der über die Familie wacht und ihr am Ende den Weg in eine bessere Zukunft weist, sieht man ihm ebenso nach wie manchen Ausflug in pathetische Posen. </P><P>Es steckt spürbar zu viel Herzblut in diesem Projekt, als dass man Sheridan das nachtragen könnte. Selbst wenn es rührselig wird, ist der Film aufrichtig und genau deswegen kein Kitsch. Und wenn die junge Familie am Ende ihren tiefen Schmerz über den Verlust des Sohnes, der Heimat und des Glaubens überwindet, ist das ein wunderbarer Augenblick. Ohne Abschied gibt es kein Willkommen. </P><P>"In America" <BR>mit Paddy Considine, Samantha Morton, Djimon Hounsou <BR>Regie: Jim Sheridan <BR>(In München: Mathäser, Filmcasino, City, Isabella i.O., Cinema i.O.) </P>

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