Das Spiel als Erlösung

- "Bäng, bäng", sagt das kleine Mädchen und hebt die Waffe. Die ist aus Plastik, und weil die Mutter das rechtzeitig sieht, wird sie ihre Tochter nicht erschießen. Stattdessen fällt sie - "bäng, bäng" - selbst getroffen auf den Boden. "Oh Mami, nicht sterben!" "Ich spiele nur", ist die Antwort. Dies ist die tiefste Einsicht des neuesten Films von Quentin Tarantino: dass das Leben und damit auch das Sterben viel näher sind am Spiel, als wir das wahrhaben möchten. Im Kino jedenfalls ist das Sterben ein Spiel. Tarantinos Filme sind dem reinen Kino so nahe, weil nur wenige so sehr reines Spiel sind wie sie: nicht weil alle Schauspieler am Ende wieder aufstehen, sondern weil gar nicht so wichtig ist, was geschieht - das Wie entscheidet.

<P>Einmal wird Uma Thurman lebendig begraben. Weil Tarantino solche Momente liebt, kostet er sie ganz aus: Er lässt es völlig schwarz werden auf der Leinwand, zwei unendliche Minuten lang, man hört nur Stöhnen. Die Beklemmung bemächtigt sich auch des Zuschauers. Da Tarantino diese Erfahrung in die Länge zieht, die Schwärze nicht aufhören will, ist es um so großartiger, wenn sie dann doch schwindet. Man wusste, dass es geschehen würde, denn Tarantino gibt seinem Publikum fast immer, was es will. Auch das gehört zum Spiel. Und in gewissem Sinn ist er ein grausames Kind, das mit dem Zuschauer spielt.<BR><BR>Das Spiel namens "Kill Bill" hat zwei Teile. Der erste war frech, schnell und actionreich, der zweite ist ruhiger, verquasselter, geradliniger, ein einziger langer Anlauf zum notwendigen Showdown. Zusammen das Ying und Yang des Kinos. "Bang Bang" singt Nancy Sinatra in diesem Film, und der Witz dieses Songs ist die Haltung, die Tarantino einüben möchte. Vor dem Grauen hat er dabei so wenig die Augen verschlossen wie vor der Hoffnung auf Erlösung, die in dem "Ich spiele nur" liegt. Tarantinos Figuren, Archetypen des Verhaltens, leben im Einen und hoffen auf nichts so sehr wie auf das Andere. Wie Grauen und Erlösung, Humor und Ernst, das Leben und der Tod zusammengedacht werden können, ist der zentrale Punkt in Tarantinos Filmen.<BR><BR>Seine Antwort liegt immer in der Mythologie, allerdings nicht in der des Gymnasiums, sondern in der scheinbar profaneren der Popkultur. Kino, Musik, Comic - "Pulp Fiction" eben. War "Kill Bill Vol.1" noch ein Crossover aus chinesischem, japanischem und US-Kino, so bleibt Tarantino diesmal daheim und das weiße männliche Amerika wieder fast ganz unter sich. Von der "Globalisierung" im ersten Teil ist wenig übrig geblieben. Das Grauen erscheint am Ende als Voraussetzung der Erlösung. Und "Kill Bill" bekommt bei aller Gutgelauntheit seinen düsteren Schlussakzent. Aber zugleich auch die Ausrede, mit der man sich um die Frage nach seiner eigenen inneren Gewalt herumdrücken kann. </P><P>Dass aber dieser Film mit der Wirklichkeit weniger zu tun hat als etwa eine Dokumentation, dass dies nur Unterhaltung ist, können nur Naive glauben. "Kill Bill Vol.2" ist ein Film aus eigenem Recht. Man kann ihn sehen, ohne "Vol.1" zu kennen. Vergleicht man beide, ist Teil eins ingeniöser, origineller, brüchiger, mehr Pop. Doch auch Teil zwei ist eine zärtliche Liebeserklärung an das Kino, die in erster Linie von des Regisseurs Obsessionen und Erotizismen handelt. Die Teile, das beweist "Kill Bill", sind mehr als das Ganze. </P><P>(In München: Mathäser, Marmorhaus, Maxx, Autokino, Gabriel, Cinema und Museum i. O.)<BR><BR>"Kill Bill: Volume 2"<BR>mit Uma Thurman, David Carradine, Daryl Hannah<BR>Regie: Quentin Tarantino <BR>Hervorragend <BR></P>

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