Spielbergs Thriller und das Recht der Phantasie

- München - Ist Steven Spielberg über Nacht zum Israel-Feind geworden? Verklärt er die Liquidierung von Terroristen? Oder will er sie umgekehrt verteidigen? Spielbergs neuer Film, der Polit-Thriller "Munich", gibt Fans wie Feinden jedenfalls viele Rätsel auf."Munich" beginnt am 5. September 1972, als ein PLO-Kommando die "heiteren Spiele" von München beendete, er zeigt die Stunden zwischen Hoffen und Bangen in der Connollystraße und das entsetzliche Ende von Fürstenfeldbruck: Alle Geiseln, insgesamt elf israelische Sportler, waren tot.

Aber das ist nur Exposition, darum hat Spielberg auch gar nicht in München gedreht. Der größte Teil des Films erzählt die Geschichte von fünf Agenten des israelischen Geheimdienstes Mossad, die unter Führung des jungen Avner (Eric Bana) nach dem Massaker den Auftrag erhalten, die palästinensischen Hintermänner des Anschlags zu töten. Avner führt die Aufträge aus, stellt zugleich aber die Moral der staatlichen Morde in Frage.

Der Film fußt nur oberflächlich auf belegten Fakten. In erster Linie ist dies die Verfilmung des umstrittenen Romans "Vengeance" des kanadischen Autors George Jonas.

Weitgehend einig waren sich nur die amerikanischen Kritiker: "Couragiert" nennt der einflussreiche Roger Ebert ("Chicago Sun") den Film, Manohla Dargis von der "New York Times" sah einen "hinreißenden Actionfilm". Auch andere äußerten sich einhellig positiv.

"Naiv, prätentiös und übertrieben"

Kritik kam dagegen aus anderer Richtung: Der israelische Konsul Ehud Danoch attackierte den Film als "prätentiös" und "übertrieben". Politische Kommentatoren verurteilen "Munich" zumindest als "naiv". Der Kommentator der "New Republic" schrieb: "Spielberg weiß zu überwältigen, aber ich bin es leid, überwältigt zu werden."

Dabei sind längst nicht alle unter Spielbergs Kritikern Liberale oder "der pro-israelischen Lobby" zuzurechnen. Kritik kommt auch von konservativen Republikanern. Sie wittern hinter der differenzierten Darstellung von "Terrorismus" und der impliziten Kritik an staatlicher Gewalt, die durch kein internationales Recht legitimiert ist, auch indirekte Kritik an der derzeitigen US-Politik. "Heiligt der Zweck alle Mittel?" ist die unausgesprochene Hauptfrage von "Munich".

Bis zu einem gewissen Grad trägt die restriktive Informationspolitik Spielbergs Mitschuld. Schon seit Jahren gibt der Regisseur kaum Interviews, in diesem Fall durfte nur das "Time"-Magazin eines veröffentlichen. Der Dreh in Malta und Budapest war abgeschottet, so dass man im Vorfeld wenig erfuhr. Schon bei Spielbergs letztem Film "Krieg der Welten" hatte diese auch für US-Verhältnisse ungewöhnliche Geheimhaltung zu starken Irritationen geführt.

Tatsächlich muss sich Spielberg auch den Vorwurf gefallen lassen, den die Geheimdienstexperten Yossi Melman und Steven Hartov erhoben haben. "Jede Ähnlichkeit mit der historischen Wahrheit ist zufällig", behaupten sie, die Quellen seien "trübe", Jonas' Story "offensichtlich reine Erfindung".

Was dabei in den Hintergrund tritt, ist, dass Spielberg keine Dokumentation oder ein politisches Pamphlet gedreht hat. Spielberg ist ein kreativer Künstler, der Ereignisse imaginiert und damit bestenfalls der historischen Wahrheit näher kommt als eine Dokumentation, sie aber auch völlig durch Phantasie ersetzen kann. Auch Werke Shakespeares oder Tolstois enthalten historische Fehler - ihren Rang als Kunstwerk oder ihre Legitimität würde man nie bestreiten. Für eine ähnlich gelassene Reaktion liegen die Ereignisse von 1972 aber offenkundig noch nicht weit genug zurück.

Ohne Spielberg auf eine Stufe mit Tolstoi und Shakespeare zu heben, bleibt festzustellen: In erster Linie ist "Munich" ein spannender Thriller, der in seinem nostalgischen Stil an Jules Dassins "Rififi", an Thriller von Melville und das Polit-Kino von Frankenheimer, Costa-Gavras und Pollack erinnert. Auf Spielbergs Seite liegt das Recht der Phantasie.

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