Stärker als Kinnhaken

- Er ist der neue Star unter den französischen Filmemachern: François Ozon. Galt er nach seinem Film "Unter dem Sand" noch als Geheimtipp, wurde er mit "8 Frauen" zum internationalen Publikumsliebling. Am Donnerstag startet in den deutschen Kinos sein jüngstes Werk: "Swimming Pool". Der Münchner Regisseur Eckhart Schmidt hat in Zusammenarbeit mit dem BR einen Film über François Ozon gedreht, eine, wie Schmidt es nennt, Nahaufnahme über die vielfältigen Facetten dieses Künstlers, der sich vor allem der Welt der Frauen verschrieben hat.

<P></P><P> </P><P>Einen Sendetermin gibt es noch nicht. Dafür stellte uns Eckhart Schmidt exklusiv jenes Filmgespräch zur Verfügung, das er mit Ozon geführt hat und das wir hier in Auszügen abdrucken.</P><P> </P><P> </P><P> </P><P><BR><BR>"Swimming Pool"<BR> <BR>Ich wollte einen Film über die Inspiration machen, ein Stoff, der mich persönlich betrifft. Alle meine Filme haben etwas mit mir selbst zu tun. Ich bringe immer meine Person mit ein. "Swimming Pool" jedoch ist ein Selbstporträt, ein Film über meine Art zu arbeiten.<BR><BR>Ein Film der Krise?<BR> <BR>Ja, vielleicht. Nach "8 Frauen" war ich ein bisschen irritiert durch den Erfolg. Irritiert, weil mich die Leute plötzlich in der Metro erkannten, etwas, worauf ich keinerlei Wert lege. Manchmal ist Erfolg schlechter zu handhaben als Misserfolg.<BR><BR>  Eine Welt der Frauen<BR> <BR>In "Swimming Pool" gibt es zwei Facetten, zwei verschiedene Frauen, die sich gegenüberstehen und die sich am Ende finden. Mich interessierte es, von zwei Archetypen von Frau auszugehen: eine Engländerin, wie sie die Franzosen sehen, die typische alte Jungfer, etwas alkoholisiert, schlecht gelaunt, wie eben alle Engländer, und eine Französin, sehr exzessiv, ein bisschen nymphomanisch und vulgär, sehr aggressiv wie eben alle Französinnen. Es ging darum, diese beiden Frauen miteinander zu konfrontieren.<BR><BR>Hätte der Film "8 Männer" statt "8 Frauen" geheißen, müssten sie am Ende alle tot sein, sie hätten sich gegenseitig umgebracht. Bei einem Männer-Film weiß man, dass die Konflikte mit Schlägereien und Pistolen enden. Das interessiert mich nicht, mich interessieren Gefühle. Ich glaube, dass die Gefühle und die Grausamkeit eines Dialogs stärker sind als Kinnhaken und Schüsse. Ich persönlich finde das als Filmemacher perverser und faszinierender.<BR><BR>Die Bourgeoisie<BR> <BR>Es ist interessant, Filme über die Bourgeoisie zu machen, weil die Bourgeoisie eine soziale Klasse ist, die sich selbst darstellt; eine soziale Klasse, die ein bestimmtes Erscheinungsbild hat und die eine Maske trägt. Mich interessiert es in meinen Filmen, diese Maske vom Gesicht zu reißen. Und es gibt nichts Aufregenderes und Amüsanteres - Chabrol hat das sehr gut verstanden -, als der Bourgeoisie ihre Maske vom Gesicht zu reißen, da sie sich immer als eine Klasse darstellt, die sauber ist, die normal ist und deren Beispiel man folgen soll.<BR><BR>Das Verbrechen<BR> <BR>Fritz Lang hat einmal etwas gesagt, und dem fühle ich mich sehr nahe: Hätte ich keine Filme gemacht, wäre ich ein Verbrecher geworden. Vielleicht trifft das auch auf mich zu. Ich glaube, dass mich die Tatsache, dass ich im Film bestimmte Morde begehe, befreit, denn sie ermöglicht es mir, bestimmte Leute umzubringen. Für mich ist es ein Vergnügen, einen Mord zu inszenieren, ähnlich wie eine Liebesszene oder eine Sexszene. </P><P>Das sind interessante Herausforderungen, denn man muss sich entscheiden, was man zeigt und was nicht. In meinen Filmen sterben immer die Männer, nie die Frauen. Ich weiß nicht, warum. Offenbar hab ich da ein Problem. Plötzlich steht der Schöpfer seiner eigenen Inszenierung gegenüber. Es ist die Angst eines jeden Erfinders, dass sich die Dinge zu sehr verselbstständigen. Am Ende fragt man sich, ob man einen echten Mord drehen muss, um einen guten Film zu machen. Das ist das Problem aller Kreativität: ob man etwas künstlich herstellt oder ob man die Realität, wie sie ist, abfilmt.<BR><BR>Erfolg<BR> <BR>Ich brauche nur soviel Erfolg, um den nächsten Film machen zu können, denn das ist wichtig. Ich habe keine Lust, meine Seele um jeden Preis an die Amerikaner zu verkaufen. Ich habe keine Lust, nach Hollywood zu gehen in einem Moment, in dem ich alle Freiheit in Frankreich habe.<BR><BR>Glück<BR> <BR>Ich bin nicht glücklich, aber es lässt sich leben. Es gibt Unglücklichere als mich. Irgendwas fehlt mir immer, denn wenn mir nichts fehlen würde, wäre das Leben langweilig. Der Mangel an Etwas ist unerlässlich, denn wenn ich total glückselig wäre, würde ich aufhören, Filme zu machen. Ein Künstler muss nicht unbedingt unglücklich sein, aber er muss einen gewissen Schmerz verspüren oder er muss etwas abzuarbeiten haben, was Leid mit sich bringt und eine Sehnsucht, sich auszudrücken. Und solange man etwas ausdrücken und vermitteln möchte, kann man nicht total glücklich sein. Glück ist also kein Ziel für mich.<BR></P> 

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