Starke Filme in Cannes

Festival: - Cannes - Im Kino kullern die Tränen, draußen rollen die Ferraris: Der Gegensatz zwischen künstlerischem Ernst und oberflächlichem Geprotze ist nirgendwo so extrem wie in Cannes.<br /> Filmbericht: "Ocean's 13" hautnah in Cannes

Im 60. Geburtstagsjahrgang beherrschte noch mehr Tristesse das Wettbewerbsprogramm als üblich. Doch viele der Dramen hatten das "gewisse Etwas"; etliche starke, interessante Filme konkurrieren um die Goldene Palme. Keine leichte Aufgabe für die Jury unter dem britischen Regisseur Stephen Frears, die die Preise am Sonntagabend vergeben wird.

Zur täglichen Pflichtlektüre in Cannes gehören die Festivalausgaben der Branchenblätter "Variety", "Screen", "Hollywood Reporter" oder "Le film français". Geht es nach den dort veröffentlichten Kritiken und Umragen, können sich vor allem die amerikanischen Regie-Brüder Joel und Ethan Coen ("No Country for Old Men") oder der Rumäne Cristian Mungiu ("Vier Monate, drei Wochen und zwei Tage") Hoffnungen auf einen Preis machen.

Auch der New Yorker Künstler Julian Schnabel gehört mit seinem französischen Film "Le scaphandre et le papillon" (Der Taucheranzug und der Schmetterling) zu den Palmen-Anwärtern. Stilistisch virtuos macht er das Schicksal eines Mannes nachvollziehbar, der von Kopf bis Fuß gelähmt ist und nur durch Blinzeln mit dem linken Augenlid ein ganzes Buch über seine Erfahrungen verfasst.

Der Hamburger Filmemacher Fatih Akin stieß mit seinem deutsch-türkischen Drama "Auf der anderen Seite"auf gemischtes Echo. Während ein Kritiker Akins "bemerkenswerte Fähigkeit" zur Beobachtung universeller menschlicher Probleme lobte, sah ein anderer das neue Werk "weit unterhalb" seines letzten Erfolges "Gegen die Wand".

Politische und cineastische Gründe gäbe es für die Auszeichnung von Marjane Satrapis Zeichentrickfilm "Persepolis". Die in Frankreich lebende Iranerin hat ihre autobiografischen Comicbücher mit viel Selbstironie und Gefühl für die Leinwand zum Leben erweckt. Zwischen Lachen und Weinen verfolgt das Publikum die Geschichte eines Mädchens aus Teheran, dass sich nach der religiösen Revolution in seiner Heimat nicht anpassen will und kann. Mit 14 Jahren geht sie nach Wien ins Internat, später emigriert sie nach Frankreich. Die staatliche iranische Filmorganisation hat offiziell gegen die Vorführung von "Persepolis" im Wettbewerb protestiert.

Insgesamt gab es kaum ausdrücklich politische Filme im Wettbewerb: Der Russe Alexander Sokurow schickt in "Alexandra" eine russische Großmutter in ein Militärlager nach Tschetschenien, wo sie ihren Enkel besucht. Die Eindrücke der alten Dame, die sehnsuchtsvollen Blicke der jungen Soldaten auf diese weibliche Invasion von Wärme, Menschlichkeit und Anteilnahme, erzählen mehr über den Krieg als Nachrichten oder Reportagen.

Überhaupt waren es die Frauen, die Cannes prägten - nicht nur mit ihren glamourösen Auftritten auf dem Roten Teppich, sondern durch lange nachwirkende Rollen. Auffallend viele Filme stellten leidende Mütter ins Zentrum. Von ihnen empfiehlt sich die Koreanerin Jeon Do-yeon mit ihrer unglaublichen Darstellung einer vor Trauer schier explodierenden Mutter in "Secret Sunshine" dringend zur Auszeichnung als beste Schauspielerin.

Kaum Chancen auf einen Preis dürfte Quentin Tarantino haben, der 1994 mit "Pulp Fiction" triumphierte. Sein Film "Death Proof" hat außer einer sagenhaften Autoverfolgungsjagd am Ende vor allem Gequassel zu bieten. Fast wie im Stummfilm agierte dagegen "The Man from London" des Ungarn Béla Tarr. Angesichts der quälenden Monotonie dieser schwarz-weißen Krimiverfilmung nutzen viele übernächtigte Festivaliers die Gelegenheit für ein gepflegtes Schläfchen.

Außer Konkurrenz läuft in Cannes dieses Jahr Steve Soderberghs "Ocean's Thirteen". Der Film, in dem neben George Clooney unter anderem Brad Pitt, Matt Damon und Al Pacino spielen, kommt am 7. Juni ins Kino.

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