Sex statt Bomben

- Lady Henderson hat keine Ahnung vom Kulturbetrieb. Aber eines weiß sie: Sex funktioniert immer. Also lässt sie in ihrem Theater ihre Schauspielerinnen textilfrei über die Bretter hüpfen und hat umgehend durchschlagenden Erfolg. Ihr künstlerischer Leiter Vivian Van Damm ist davon nicht eben begeistert. Und die Empörung ist groß im Vereinigten Königreich, schließlich ist es das erste Mal, dass nackte Frauen in Großbritannien öffentlich zu begutachten sind.

Aber Lady Henderson setzt sich gegen jede Kritik durch. Erst recht gegen die deutschen Bomben, die in diesen Tagen auf London fallen. Lady Hendersons "Windmill"-Theater wird zum beliebten Treffpunkt für Soldaten und zwielichtige Gestalten, die im Windschatten des Krieges ihre Geschäfte betreiben.

Stephen Frears ist mit "Lady Henderson präsentiert" wieder ein Geniestreich gelungen, und wie immer bei Frears großen Würfen ist das Thema urbritisch. Die Prüderie und der Hedonismus, die beide in englischen Seelen wohnen und beide auf ihr Recht pochen - das ist das Thema dieser wunderbar unverschämten Satire. Natürlich ist die Geschichte wahr. Laura Hendersons Ensemble sorgte mit blanken Tatsachen auf der Bühne für Aufsehen, und ihre Fehde mit ihrem Intendanten Van Damm ist legendär.

Der Film ist eindeutig ein Geschenk von Frears an Judi Dench, die als bärbeißige Übermutter das abgehobene Künstlergetue ad absurdum führt und dem Publikum gibt, was es will. Wie sie sich mit rustikalem Charme und Mutterwitz gegen alle Widerstände durchsetzt, ist wunderbar gespielt und ganz klar Judi Dench auf den Leib geschrieben. Das hier ist ihr Film, und sie reißt ihn mit unwiderstehlicher Energie an sich. Bob Hoskins, der den Kompagnon und Widerpart Van Damm darstellt, hält sich klug zurück und überlässt Dench die großen Szenen. Die gemeinsamen Auftritte - Dokumente einer berückenden Hassliebe - sind die Herzstücke dieser angenehm altmodischen Ode an das Theater. Es ist ein nostalgischer, aber keineswegs verklärter Blick zurück auf eine Zeit, in der Kultur im wahrsten Sinne des Wortes lebenswichtig war. Und in der die Künstler sich dieser Aufgabe mit unprätentiöser Selbstverständlichkeit gestellt haben. Ein wunderschöner Blick auf eine Zeit, in der der Slogan "The show must go on" angesichts brennender Häusermeere noch eine Bedeutung hatte.

Laura Henderson ist übrigens 1944 gestorben und hat ihr Theater Vivian Van Damm vermacht - dem Mann, dem sie jahrelang das Leben zur Hölle gemacht hatte. (Ab morgen in München: Royal, Arri, Atlantis, Cinema i.O., Tivoli).

"Lady Henderson präsentiert" mit Judi Dench, Bob Hoskins

Regie: Stephen Frears

Sehenswert  ****

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