Spätfolgen eines Amoklaufes

"Staudamm": Romanze und Sozialtragödie

München - Nicht nur der Name des Films führt in die Irre: Thomas Sieben hat "Staudamm", seine Tragödie über einen Amoklauf und dessen Folgen, nicht konsequent umgesetzt

Der Name des Films ist so gewählt, dass er in die Irre führt. „Staudamm“ erzählt von einem Amoklauf, nicht etwa von einer vom Wasser bedrohten Stadt. Regisseur Thomas Sieben meint den Titel wohl metaphorisch. Der Staudamm als Bedrohung, psychische Blockade, tickende Zeitbombe, ja als was eigentlich?

Der Amoklauf, um den es geht, hat sich bereits ereignet: Vor einem Jahr erschoss ein Junge in einer Dorfschule Mitschüler, Lehrer und sich selbst. Ähnlichkeiten zu den Vorfällen von Winnenden und Erfurt sind beabsichtigt. Verständlicherweise wollten die Macher darauf verzichten, die Tat selbst zu zeigen.

So setzen sie erst da ein, als der junge Münchner Roman (Friedrich Mücke) in das noch immer geschockte Provinznest reist. Er muss für einen Staatsanwalt (Dominic Raacke) Akten zur Tat besorgen. Durch seine Bekanntschaft mit Laura (Liv Lisa Fries), die den Mörder kannte und dessen Tat miterleben musste, wird aus dem abstrakten Fall plötzlich ein reales Schicksal.

Die Idee hinter der Mischung aus Romanze und Sozialtragödie ist stimmig. Der Film soll schildern, aufklären und zugleich berühren. Doch setzt Thomas Sieben diesen Ansatz selten um. Meist langweilt er mit lähmender Ödnis: Eine Ewigkeit lang diktiert Roman in seinem Zimmer Zeugenprotokolle ins Computerprogramm. Sein Lesen ist zu lapidar, um durch Kälte zu schocken, zu unempathisch, um zu berühren. Es raubt den Worten jeden Objektbezug. Das ist nicht die „Banalität des Bösen“, wie der Regisseur vielleicht hoffte, sondern Inspirationslosigkeit und Betroffenheitskitsch.

Zugleich verwehren diese Szenen jede Identifikation mit dem lahmen Protagonisten, die für das spätere Geschehen nötig wären. Bilder, die das Medium Film als Transportmittel rechtfertigen würden, gibt es ohnehin kaum. Die Kulisse bleibt dem Thema fern, schafft es nicht, uns zu packen. Es dauert ewig, bis mit einem Dorfpolizisten (Arnd Schimkat) endlich eine halbwegs dynamisch agierende Figur auftaucht und den ewigen Blick auf Romans Laptop und die betont triste Voralpenlandschaft stoppt. Die wenigen Momente, in denen es dem Werk gelingt, den Zuschauer aufzurütteln, entspringen den Dialogen zwischen Roman und der weitaus charismatischeren Laura. Aber so wie Sieben das Drama inszeniert, hätte ein Hörspiel genügt, ja die Aufgabe des Aufklärens und Fragenstellens besser erfüllt.

von Katrin Hildebrand

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