"Oh ja, die Stimme!"

- Auf den ersten Blick sieht Philip Seymour Hoffman aus wie das kleine Dickerchen mit der etwas zu weißen, ziemlich schlechten Haut, den etwas zu roten und zu fettigen Haaren, das in der Schule im Sport ganz schlecht war und immer gehänselt wurde. "Dass ihr mich alle immer als pummelig und hellhäutig beschreiben müsst, verstehe ich noch", erklärt er resigniert, "aber kann nicht mal einer schreiben, dass ich auch süß bin? Das hat noch nie einer".

"Capote war eitel, er konnte nicht genug Aufmerksamkeit bekommen." Philip Seymour Hoffman

Nein, bis Hoffman den schönen Liebhaber oder den drahtigen Actionhelden spielt, wird es noch lange dauern. Schaut man ihn genauer an, ist noch etwas anderes zu sehen. Man spürt, dass mehr da ist. Aber was? Er ist kräftig. Man sieht, dass nicht nur Fett seine Arme dick macht, auch Muskeln. Und man stellt sich vor, dass er, wenn er will, ziemlich kräftig zuschlagen könnte.

Diese zwei Seiten seines Äußeren bestimmten bis jetzt seine Rollen. Mit einem kleinen Part in "Der Duft der Frauen" fing es 1992 an, seitdem hat der heute 38-jährige Hoffman in rund 40 Filmen vor allem drei Arten von Figuren gespielt: den harmlosen Spießer, den verkorksten Verlierer oder den brutalen, unter unscheinbarer Oberfläche bedrohlichen Bösewicht. Sie spielte er mit einigen der besten und berühmtesten US-Regisseure, mit den Coen-Brüdern in "The Big Lebovski", mit Anthony Minghella in "Der talentierte Mr.Ripley", mit Cameron Crowe in "Almost Famous" und immer wieder mit Paul T. Anderson in "Boogie Nights", "Punch-Drunk-Love" und "Magnolia" - "der beste Film, in dem ich je gespielt habe". Es waren oft bessere Nebenrollen und schräge, latent unangenehme Figuren auf einem schmalen Grat zwischen Sympathie und Abscheu: In "Happiness" war Hoffman ein einsamer Kontaktgestörter, der fortwährend masturbiert, in "Owning Mahonny" war er ein Spielsüchtiger. Aber immer sind es hervorragende Filme, in denen er sein kaum minder eindrucksvolles Können zeigt.

Warum er gerade diese Rollen wähle, erklärt er beim Gespräch während der Berlinale, könne er selbst nicht sagen: "Man wird von etwas angezogen." Ob sich das jetzt mit "Capote" ändert? Vielleicht hat Philip Seymour Hoffman am Wochenende schon seinen ersten Oscar gewonnen. Die Rolle des berühmten Schriftstellers und Stars der New Yorker Avantgarde-Szene, Truman Capote, der Ende der 50er-Jahre im konservativen Farmermilieu der US-Südstaaten für "Kaltblütig" recherchiert, jenen Tatsachenroman, der sein berühmtestes Buch werden sollte, ist eine phänomenale Leistung.

"Capote war eitel, er konnte gar nicht genug Aufmerksamkeit bekommen. Er hatte eine unverfrorene Art, sagte allen Leuten ins Gesicht, was er dachte." Hoffman betont, er versuche, einer solchen Rolle gerecht zu werden, ohne sich vom realen Vorbild zu sehr einschüchtern zu lassen: "Es ist keine Dokumentation, sondern eine Interpretation." Mittlerweile, und das war schon vor der Oscarnominierung so - der ersten seiner Karriere -, wird Hoffman von seinen Kollegen hoch geachtet. Edward Norton nannte ihn "einen der besten Schauspieler seiner Generation".

Das Geheimnis dieses Schauspielers ist, dass er das Leiden sichtbar macht. Dass er Verletzlichkeit, Unsicherheit, Gefühle seiner Figuren zum Vorschein bringt, mögen diese dem Publikum noch so unangenehm sein. So macht er sie interessant. Im Fall von Capote hat er das gar nicht nötig. Aber auch hier geht es darum, hinter den Manierismen des dandyhaften Autors, hinter der Fistelstimme - "oh ja, die Stimme!" stöhnt er nur, im Interview darauf angesprochen - und den tuntenhaften Bewegungen den inneren Abgrund zu zeigen, der Capote in seine schwerste Krise stürzte. Das sieht leicht aus und ist gerade in diesem Fall ungeheuer schwer.

Ist der Oscar nun die längst fällige Anerkennung? "Ich mache meine Arbeit nicht wegen der Preise. Man muss das aber alles in ein normales Verhältnis setzen. Anerkennung? Das ist die Arbeit. Die Arbeit selbst. Die Genugtuung etwas gut zu können. Jeder kennt das. Man tut, was man gerne tut, man tut es gut, dann kommt man nach Hause, geht ins Bett, und man schläft gut. Das ist das Schöne am Leben. Es gibt Tage, da weiß man, dass es einfach läuft." Vielleicht ist der kommende Sonntag ja so ein Tag.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Er war der coolste James Bond: Nachruf auf Roger Moore
Trauer um Roger Moore: Der James-Bond-Darsteller ist mit 89 Jahren an Krebs gestorben. Hier lesen sie einen Nachruf auf Roger Moore. 
Er war der coolste James Bond: Nachruf auf Roger Moore

Kommentare