Da stockt der Atem

- "An den Schmerzen erkennst du, dass du zu Hause bist", sagt der schwer kranke Jesko, und es ist klar, dass die Familiengeschichte, die Regisseur Chris Kraus erzählt, keine mit Happy End sein wird. An einen wie auch immer positiv gearteten Ausgang seines fesselnden, in düsteren Farben gemalten Familienporträts wagt man schon von Beginn an nicht zu hoffen.

Da steht der hohlwangige Jürgen Vogel als Jesko im Regen an einer verlassenen Straße und wartet. Endlich kommt eine dunkle Limousine herangebraust, Bruder und Vater begrüßen den heimkehrenden, vom Leben in der großen weiten Welt sichtlich angeschlagenen Sohn, und man sieht deutlich, dass sich keiner der drei über das Wiedersehen freut. Niemand kann sich seine Familie aussuchen. Bei Familienfeiern, so zeigt Kraus, brechen alle stets sorgsam bemäntelten Konflikte auf. Die aristokratische Familie von Jesko und seinem Bruder Ansgar (Peter Davor) ist schon lange zerfallen, man hat sich nichts zu sagen. Mit seismographischer Genauigkeit beobachtet Chris Kraus das Beben dieser Sippe und deckt in kleinen Gesten und Nuancen die Gründe für den Verfall der ehemals so großbürgerlichen Idylle auf. <BR><BR>Die Konfrontation mit den Familienmitgliedern reißt bei Jesko, aus dessen Perspektive der Zuschauer dieses kammerspielartig angelegte Drama wahrnimmt, alte Wunden auf. Die hatte er längst unter einer gehörigen Schicht Zynismus versteckt. Aber in der muffigen elterlichen Villa, angesichts der alkoholsüchtigen, geistig verwirrten Mutter (Margit Carstensen) ist keine Erlösung oder Rettung zu erwarten. Keine Liebe, nirgends. Kraus' "Scherbentanz" ist so überaus dicht inszeniert, dass einem in manchen Momenten fast der Atem stockt. Sein mit zahlreichen Rückblenden angereicherter, berührender Film ist der Blick hinter die Fassaden. Ein Blick, den man aushalten können muss. Und gerade deshalb eine der bemerkenswertesten und intensivsten deutschen Produktionen des Jahres. (In München: Atlantis.)<BR><BR>"Scherbentanz"<BR>mit Jürgen Vogel, Peter Davor, Margit Carstensen<BR>Regie: Chris Kraus<BR>Sehenswert

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