Die Streithähne aus der Retortenstadt

München - Grandiose Familiengeschichte im zerrissenen Italien der Sechzigerjahre: "Mein Bruder ist ein Einzelkind"

Es waren einmal zwei Brüder, die konnten einander nicht ausstehen. Der eine glaubte an Marx, der andere an den Duce. Der Handlungsbogen von Daniele Luchettis grandiosem Film "Mein Bruder ist ein Einzelkind", der gleich vier italienisch "Donatelli" gewann (siehe Kasten), lässt sich knapp umreißen.

Doch im Grunde ist das stark an Ettore Scola erinnernde Opus weder Märchen noch Politdrama, sondern von allem etwas, besonders aber eine mitreißende Familiengeschichte im Italien der Sechziger- und Siebzigerjahre.

Der Held der Geschichte wird "Accio" gerufen, was so viel heißt wie Ekel. Accio und sein Bruder Manrico Benassi wachsen im proletarischen Milieu von Latina auf, einer von Mussolini aus dem Boden gestampften und inzwischen wieder zerfallenden Retortenstadt in der Nähe von Rom.

Manrico ist bekennender Kommunist und ebenso bekennender Frauenheld, Accio einfach der Querulant vom Dienst. Sein Lebenssinn scheint in erster Linie darin zu bestehen, dagegen zu sein.

Regisseur Luchetti stellt im Gegensatz zu Vorbildern des italienischen Politkinos wie Gianni Amelio, Marco Bellocchio und Franceso Rosi nicht allein den gesellschaftspolitischen Werdegang der Brüder ins Zentrum seines Films, sondern vielmehr ihre Hassliebe.

Das verschafft dieser Parabel den Anspruch, die gewalttätigen Jahre einer zerrissenen Nation aufzuarbeiten - dies aber stimmig und geschickt eingebettet ins Schicksal der Familie Benassi. Die konträren Lebenswege der Brüder spiegeln die ideologischen Verwerfungen des Landes wider.

Wie die beiden aufeinander losgehen, sich annähern, erneut streiten, innehalten und schließlich in kleinen Schritten aufeinander zugehen, besitzt großen Symbolgehalt und erzeugt gleichzeitig eine enorme emotionale Sogwirkung.

Die verdankt der detailgenaue Film einerseits Luchettis präzisem, uneitlem Regiestil. Noch mehr aber dem großartigen Spiel der Hauptdarsteller Elio Germano und Riccardo Scamarcio. Die zwei sind mal ruppig und sprunghaft, mal verbohrt und kindisch, mal charmant, witzig und liebenswert, aber immer in atemberaubender Weise authentisch.

"Mein Bruder ist ein Einzelkind"

mit Elio Germano,

Riccardo Scamarcio

Regie: Daniele Luchetti

Hervorragend

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