Der Swing der Freiheit

- Am 10. November 1944 werden in Köln-Ehrenfeld dreizehn junge Leute hingerichtet. Keiner von ihnen ist älter als 24 Jahre. Damit hat die Gestapo die Widerstandsgruppe der Edelweißpiraten fast ausgelöscht. Die wenigen Überlebenden werden sich erst nach Kriegsende zu den mutigen, wahnwitzigen Aktionen bekennen, die sie im Namen ihrer Clique gewagt haben. Das Regie-Duo Niko und Kiki von Glasow setzt im gleichnamigen Spielfilm den Kölner Edelweißpiraten ein Denkmal.

Endlich, muss man dazu sagen. Denn in den meisten Aufzählungen zum Themenkreis Widerstand im "Dritten Reich" werden die Jungen und Mädchen vom Rhein nur am Rande erwähnt. Wenn überhaupt. Die von Glasows zeigen nun in ihrem sehr emotionalen historischen Drama die wahre Bedeutung der Edelweißpiraten und ihre kurze und wechselvolle Geschichte. Sie waren keine Studenten, die sich intellektuell mit der Diktatur auseinandersetzten, sondern entstammten dem Kölner Arbeitermilieu. Um sich von der verhassten Hitlerjugend abzusetzen und einen eigenen Corpsgeist zu etablieren, hefteten sie sich Abzeichen mit einem Edelweiß an die Brust.

Die Jugendlichen, die sich nicht den körperlichen Ertüchtigungen und politischen Idealen der Nationalsozialisten verpflichten, sondern frei und ohne Gängelung leben wollten, pflegten ihren Status als gesellschaftliche Außenseiter. Man hörte Swing statt Marschmusik, machte sich über die Heldenlieder der Nazis lustig und malte links gerichtete Parolen an die Mauern. Aber eigentlich wollte man vor allem Spaß haben, wollte von den Erwachsenen in Ruhe gelassen werden und träumte vom Kriegsende. Wirklich politisch wurden die Edelweißpiraten erst durch den Druck von außen, durch die Verfolgung der Gestapo. Da wurden aus den zuvor sorglos in den Tag hinein lebenden jungen Leuten verantwortungsvolle Demokraten, die tapfer ihre unangepasste Meinung vertraten und sogar Verfolgte versteckten.

Sehr akribisch folgt Niko von Glasow seinen Helden durch das historisch exakt nacherzählte Köln der späten Kriegsjahre. Dabei verzichtet er auf jede ideologische Überhöhung. Seine Edelweißpiraten sind keine edlen, nur ihrem reinen Herzen verpflichteten Heroen. Die Jugendlichen aus Köln-Ehrenfeld wollen Frieden, das Ende der Nazi-Diktatur und vor allem etwas zu essen. Der ambitionierte Spielfilm kommt ohne jede pathetische Ästhetisierung aus. Hier dreht sich alles ums instinktive Handeln, ums Fressen und nicht um die Moral. Gerade das macht "Edelweißpiraten" im Vergleich etwa mit dem eleganten Nazikitsch der letzten Stunden im Führerbunker so glaubwürdig.

Im Vergleich zu den jüngsten, sichtlich teureren Produktionen über den Nationalsozialismus hat sich das Ehepaar von Glasow mit einem eher bescheidenen Budget an die Umsetzung dieses Projektes gewagt. Doch der geschickte Einsatz der Kamera, die rasanten Fahrten, die gut ausgesuchten Schauplätze und die mit viel Verve agierenden, weitgehend unbekannten Darsteller verleihen dieser kleinen, feinen und intelligent gemachten Produktion genügend Schwung. Störend ist lediglich die manchmal etwas zu heutige Sprache der Edelweißpiraten.

"Edelweißpiraten"

mit Simon Taal, Anna

Thalbach, Bela B. Felsenheimer

Regie: Niko und Kiki von Glasow

Sehenswert

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