Symphonie der Hoffnung

München - Mit Behinderten hat man nur selten direkten Kontakt, und die wenigsten haben Interesse daran, dass sich das ändert. Im Alltag jedenfalls. Im Kino gehören sie hingegen zu den erfolgreichsten Filmfiguren. Und so verwundert es nicht, dass Hollywood die autobiografische Geschichte des französischen Journalisten Jean-Dominique Bauby, des ehemaligen Chefredakteurs von "Elle", verfilmen wollte.

Bauby erlitt mit 42 Jahren einen Schlaganfall, konnte nur noch sein linkes Augenlid bewegen und litt die letzten 14 Monate seines Lebens als Gefangener im eigenen Körper. Derart eingeschränkt, gelang es ihm dennoch, seine berührend ehrlichen Memoiren einer Lektorin zu diktieren - ein Triumph des menschlichen Geistes. Drei Tage, nachdem Baubys Buch erschienen war, starb er.

Ein Hochglanzprojekt mit Groß-Regisseur, Edel-Mime und Oscar-Garantie wurde geplant. Es kam anders. Der Maler Julian Schnabel kam als Regisseur ins Spiel, inszenierte die Geschichte wahrheitsgemäß, aber wenig kommerziell auf Französisch in Frankreich und besetzte die Hauptrolle nicht mit einem internationalen Star, sondern mit dem Franzosen Mathieu Amalric (darstellerisch eine Sensation).

Und so wurde aus einem potenziellen Rührstück von der Stange große Kunst. Ein Film, den Schnabel mit einer faszinierenden Mischung aus Demut und Größenwahn drehte. Schnabel nimmt radikal die Perspektive des gehandicapten Protagonisten ein, allein diese Seh-Erfahrung hebt den Film von vergleichbaren Werken ab. Es geht nicht um Sentimentalität, sondern um Identifikation. Nur so ist es möglich, einen aufrichtigen und bewegenden Grundton zu halten, der diese Symphonie des Schmerzes zu einem aufrüttelnden Passionsspiel der Hoffnung macht.

Denn wie alle großen Wahrheiten ist auch die von "Schmetterling und Taucherglocke" ebenso einfach wie unwiderstehlich: Das Leben ist schön. Und zwar in jedem Augenblick.

Dass ausgerechnet Schnabel, als Künstlerpersönlichkeit der Unbescheidenheit durchaus verdächtig, diese Botschaft so ehrfürchtig in Bilder zu packen vermag, ist eines der vielen Wunder, die dieser Film bereithält. Ein anderes ist die Tatsache, dass ein derart verbraucht wirkendes Sujet den abgebrühten Zuschauer derart durchzurütteln vermag.

Es ist die wohl erstaunlichste Leistung des Films: Man wird gewissermaßen sehenden Auges manipuliert und ist froh darum. Irgendwo zwischen Melodram, bitterer Lebensbilanz und frivolem Humor gibt man den Widerstand auf. Die schlichte Würde und abgeklärte Nachsicht des Helden lassen jeden Zynismus ins Leere laufen: Alles, was man gegen diesen Film vorbringen könnte, würde obszön klingen. Das Leben ist stärker als wir - das hat man nach diesen zwei Stunden begriffen.

"Schmetterling und Taucherglocke"

mit Mathieu Amalric,

Anne Consigny

Regie: Julian Schnabel

Hervorragend

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