Tagträume im Dschungel

- Ein Blick, menschliche Geräusche im Hintergrund. Der Kontrast zwischen der grellen Kleidung und dem warmen Grün der Natur ist scharf. Man sieht Pflanzen, die Erde, hört Blätter, die im Wind rauschen, und für einen kurzen Moment scheint sich die Stadt in einen Dschungel zurückzuverwandeln, undurchdringlich, bedrohlich.

Die schüchterne Nina lebt in einem Heim mit strengen Regeln, tagsüber muss sie Müll sammeln im Berliner Tiergarten. Dabei denkt sie nur ans Weggehen. Eines Tages trifft sie Toni, eine Streunerin, die selbstbewusster, härter, weniger verletzlich scheint als sie.

Zwei Mädchen ziehen durch die Hauptstadt

Eine Zweckgemeinschaft, ein Team aus Sehnsüchten entsteht zwischen den beiden ungleichen Großstadtmädchen. Gemeinsam ziehen sie durchs Straßendickicht der Hauptstadt, das gar nicht so dick und düster wirkt in diesem Fall, eher leer und wüstenartig. Sie klauen, lachen, bewerben sich bei einem Casting, landen auf einer wildfremden Party. Zuvor schon trafen sie auf eine erwachsene Frau, die ihre Mutter sein könnte. Und tatsächlich sucht diese Franç¸oise ihre Tochter, die hier vor 15 Jahren spurlos verschwand - wovon sich die Mutter nie wirklich erholt hat. Ihr wiederum folgt Pierre, ihr Mann, der die Hoffnung noch nicht aufgegeben hat, er könne die Frau wieder finden, die sie bis vor 15 Jahren war.

24 Stunden in Berlin zeigt "Gespenster", vier Menschen im Sommer, vier Suchbewegungen, die der Zufall miteinander kreuzt. Eine Schicksalsgeschichte, ein Märchen aus der Großstadt. So naiv und unbekümmert, dabei so schlau und präzise wie bei Chaplin, trockener als bei Rohmer, klarer als bei Rivette. Die Storys von Christian Petzold, der mit "Die innere Sicherheit" den Bundesfilmpreis gewann, erzählen von Sehnsucht. Nur dass sich diese Sehnsucht bei ihm immer fest einschreibt in die Örtlichkeit, in die Schauplätze, die Sehnsuchtsräume sind.

Wenn Petzold von Personen erzählt, dann lässt er uns in Orte eintauchen, dann zeigt er, wo und wie die Menschen wohnen, arbeiten, lieben, beobachtet sie in Alltagssituationen. Räume und Tätigkeiten sagen etwas über Macht, über Abhängigkeiten und Hierarchien. Petzolds auf Situationen noch mehr als auf Atmosphären bezogene Erzählweise setzt den Film mosaikartig zusammen, knapp, lakonisch. Die Bilder (gestaltet von Petzolds Stammkameramann Hans Fromm) machen auf, lassen Lücken, in denen vielleicht noch etwas anderes steht, etwas Unsichtbares. Durch dieses Fragmentieren entstehen Zwischenräume im Hirn des Zuschauers. Bilder, denen man vertrauen und sich überlassen kann, obwohl sie doch von nichts mehr erzählen als von Unsicherheit.

Auch wenn sich Petzold für diesen Film vom Expressionismus und der deutschen Romantik inspirieren ließ, wirkt "Gespenster" eher wie eines jener Entfremdungspanoramen von Antonioni, würde der heute noch Filme machen. Entrückte, nihilistische Tagträume. Stadt trifft auf Wald, Bewegung auf Ruhe, Verzweiflung auf Aufbruch, und es ist Petzolds Meisterschaft, all dies in der Waage zu halten. Man kann Sabine Timoteo und Julia Hummer gar nicht genug zusehen bei ihrem Irren, ihrem Flehen, ihrer Sehnsucht nach sich selbst.

"Gespenster"

mit Sabine Timoteo, Julia Hummer

Regie: Christian Petzold

Hervorragend

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