Tagträume im Niemandsland

- "Eine Chronik von Liebe und Schmerz" nennt Elia Suleiman sein Werk "Göttliche Intervention" im Untertitel. Zunächst versteht man nicht, was er damit meint. Denn der Film beginnt als skurrile, lakonische Komödie, mit Szenen, die an Jacques Tati, Takeshi Kitano und den Georgier Ottar Iosseliani erinnern: Kaum ein Wort wird gesprochen, die langen, statischen Einstellungen zeigen wenig Geschehen, nur ganz kleine, nuancierte Verschiebungen. Es ist ein Humor der Wiederholung des Immergleichen bis ins Absurde.

<P>Zwei Alte sitzen auf einer Bank und glotzen auf die Straße, ein Mann wirft seinen vollen Müllbeutel in den Garten des Nachbarn, ein anderer fährt mit dem Auto die Dorfstraße hinab, grüßt jeden, der vorüberkommt, aber hinter dem freundlichen Lächeln beschimpft er alle: "Du Trottel, Hurensohn . . ." Ganz beiläufig schleicht sich in den alltäglichen Wahnsinn Gewalt ein. </P><P>Drei Männer dreschen auf eine Schlange ein, einer zieht eine Pistole und schießt. Ein Mann im roten Weihnachtsmann-Kostüm rennt über eine Landschaft bei Jerusalem, er flieht vor palästinensischen Jungen, und man weiß nicht, ob das harmloser Spaß ist oder tödlicher Ernst. Ein Autofahrer spuckt einen Pflaumenkern auf einen Panzer - und der explodiert. Eine wunderschöne Frau geht einfach über eine Grenze, ignoriert die Aufforderungen der Wachen, und als sie die Sonnenbrille abnimmt, stürzt der Wachturm ein.<BR><BR>Hier spätestens ist klar, dass dies Tagträume sind. Denn man befindet sich in der bleiernen Ödnis der israelisch-palästinensischen Grenze. Der Zuschauer lernt ein Paar genauer kennen. Er lebt in Israel, sie in den besetzten Gebieten. Sie sehen sich nur bei kurzen Begegnungen im Niemandsland zwischen zwei israelischen Checkpoints. Eine depressive Situation, aus der auch sie sich nur in Form von Träumen flüchten können. </P><P>"Die Fantasien des Films sind meine eigenen." Darauf besteht der Regisseur, der als Palästinenser in Israel lebt, sich auch länger in Frankreich und den USA aufhielt. Ihn interessiert der Kontrast zwischen dem Stillstand der Wirklichkeit und der Pracht der Tagträume, in denen sogar einmal eine Ninja-Kämpferin mit einem Gewalt-Ballett im Hongkong-Stil eine Gruppe Israelis besiegt. Sonst passiert nicht viel in "Göttliche Intervention".<BR><BR>Trotz des Titels ist hier keine echte Hoffnung, dafür ist Suleiman zu sehr aufgeklärter Skeptiker. Vieles ist nur ironisch zu verstehen, wobei der Humor sicher nicht jedermanns Sache ist. Dies weniger, weil er sich manchmal von antiisraelischer Propaganda nicht unterscheidet, sondern weil er die Gewalt der Verhältnisse mit Fantasien der Gewalt beantwortet. Da versteht man, wenn die Mutter der Hauptfigur den Film am Ende einfach abbricht: "Genug! Hör jetzt auf!" (In München: Leopold, Atelier, Theatiner i.O.)</P><P><BR>"Göttliche Intervention"<BR>mit Elia Suleiman, Manal Khader<BR>Regie: Elia Suleiman<BR>Sehenswert </P>

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