Tanz durch die Depression

- Der legendäre Tango-Tänzer Enrique Santos hat einen legendären Satz formuliert: "Tango ist der traurige Gedanke, den man tanzen kann". Und diese etwas metaphysisch klingende Beschreibung des argentinischen Nationaltanzes erweist sich in Arne Birkenstocks "12 Tangos - Adios Buenos Aires" als Leitmotiv einer mitreißenden Dokumentation.

Denn die Menschen, die Birkenstock beim Tangotanzen zeigt, haben eine Menge traurige Gedanken, und im Tanz drücken sie all diese Melancholie viel beredter aus, als sie es je sagen könnten. Kein verblasener Weltschmerz beschwert diese Menschen, sondern der triviale Wahnsinn der entfesselten Marktwirtschaft.

Argentinien ist bankrott im Wortsinn. Unfähige Regierungen und gnadenlose Finanzspekulanten aus aller Welt haben aus der einst schillernden Metropole Buenos Aires einen Ort der Depression gemacht. Jahrhunderte lang sind die Menschen vor der Armut nach Argentinien geflohen, nun haust das Elend just in diesem ehemaligen Garten Eden Südamerikas.

Birkenstock schildert all das exemplarisch an Einzelschicksalen, die er sehr geschickt - es ist schließlich sein Debüt - ineinander verschachtelt. Die passionierten Tangotänzer, die er in ihrem tristen Alltag beobachtet, wollen alle weg aus dem gelobten Land des Tangos. Sie haben genug, und auch die Musik, der Tanz und das damit verbundene Lebensgefühl können sie nicht mehr halten.

Man bemerkt den Schmerz - keiner verlässt seine Heimat leichtfertig -, aber Birkenstock versagt sich jede Sentimentalität, genau wie seine wackeren Helden. Lamentiert wird nicht, dafür gibt es ja den Tango. Das verbindet die Menschen über alle Generationen hinweg miteinander.

Sie zelebrieren ihren Untergang mit Würde, und der Film nutzt das wunderbar beiläufig, um die Geschichte des Tangos zu erzählen. Erfunden wurde der schließlich von armen Immigranten. Nun sind es künftige Emigranten, die die Tradition bewahren. Eine bittersüße Laune des Schicksals.

(In München: Eldorado.)

"12 Tangos"

Regie: Arne Birkenstock

Sehenswert

Melancholie, die sich ohne Worte mitteilt: Szene aus "12 Tangos".Foto: Verleih

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