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Andrea Riseborough befolgt hier ihren eigenen Rat nicht: Augen zu und bis fünf zählen.

„The Grudge“

„The Grudge“ im Kino: Die Hand kommt aus dem Hinterkopf

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Filmemacher Nicolas Pesce reduziert in seinem Relaunch einen japanischen Horrorklassiker auf den amerikanischen Normalzustand: „The Grudge“.

Die junge Witwe und ihr kleiner Sohn haben ein eingespieltes Ritual, um Angstvorstellungen zu vertreiben. „Augen zu und bis fünf zählen“, lautet die einfache Parole, die Andrea Riseborough als alleinerziehende Polizistin gleich dreimal in „The Grudge“ ausgibt. Augen zu in einem Horrorfilm? Ob das so eine gute Idee ist, insbesondere in einem Spukhaus-Thriller, wo man ständig auf böse Überraschungen gefasst sein muss?

Seit der Japaner Takashi Shimizu seinen kleinen, experimentellen Schocker „Juon: The Curse“ von 2000 sehr erfolgreich gleich mehrfach für den amerikanischen Markt adaptierte, weiß man, mit welcher Sorte Quälgeister hier zu rechnen ist. Die Untoten, die sich an Orten schauderhafter Verbrechen einnisten, sind klassische Schreckgespenster. Und das filmsprachliche Mittel, das ihr Auftreten orchestriert, nennt man „jump scare“: Wenn in diesem Film zum Beispiel eine Badewanne mit blutig-dunklem Wasser zu sehen ist und das Bild ein paar Sekunden lang auf der Leinwand steht, versteht sich von selbst, dass da gleich etwas herausspringen wird. Die Frage ist dann nur noch, was und wann.

„The Grudge“: Amerikanische Zuschauer vergeben die schlechteste Note

Vielleicht gibt es Menschen im Publikum, die hier schon voller Vorfreude jauchzen wie kleine Kinder, die man vor dem Einschlafen kitzelt. Ihnen sei „The Grudge“ herzlich empfohlen. Alle anderen werden sich mit diesem Film vermutlich so schwer tun, wie jene amerikanischen Zuschauer, die am Startwochenende von einem Meinungsforschungsinstitut befragt wurden. Die Demoskopen errechneten dabei den schlechtesten Wert, der denkbar ist – ein F, also unsere Schulnote 6.

Dabei geht es dem Horrorgenre eigentlich nicht schlecht. In den letzten Jahren sind immer wieder kleine Produktionen durch besondere Originalität aufgefallen, und das hat fraglos auch mit dem Einfluss der Japaner zu tun. Ähnlich dem Welterfolg „Ring“ von Hideo Nakata überzeugte auch „Juon“ mit einem fast handgemachten, urbanen Surrealismus.

Die bescheidensten technischen Mittel waren diesen Filmemachern gerade recht, um auch jene Geister dingfest zu machen, die sich im Rauschen einer Bildröhre oder im Rumpeln eines Walkman verstecken. Gerade in diesem Umfeld wirkten dann auch urtümliche Geisterbilder – wie das langhaarige Brunnenmädchen aus „Ring“ – besonders verstörend. In „The Grudge“ erinnert daran eine kleine Szene, in der jemandem beim Duschen eine Totenhand aus dem eigenen Haarschopf herauswächst. Leider kennt man das Bild schon aus früheren Filmen der Reihe, und etwas Bildkräftiges ist hier niemandem eingefallen. Abgesehen vielleicht von jener alten Dame, die sich einmal in der Küche lustvoll die eigenen Finger abschneidet. Aber wer einen Film allein auf Schockmomente aufbaut, der sollte vielleicht doch noch ein paar mehr fiese Ideen auf Lager haben.

Die eigentliche Originalität des ersten Films bestand freilich in seiner ungewöhnlichen Erzählstruktur. In der Nachfolge von Kurosawas* Klassiker „Rashomon“ hatte Shimizu sein rätselhaftes Gruselstück in Episoden aus unterschiedlicher Perspektive erzählt, dabei aber auch die Chronologie kräftig durcheinander gemischt. Kreative Fans brachten das Ganze später am Videorekorder in die „richtige“ Reihenfolge. Regisseur und Autor Nicolas Pesce bietet in seiner Neuauflage leider wenig Ansätze, noch nachträglich irgendetwas in Ordnung zu bringen. Wie so oft zeigt sich Hollywood unfähig, die Kunst im Skizzenhaften zu begreifen.

„The Grudge“ ist kein Remake, sondern ein „Reboot“

The Grudge. USA 2020. Regie: Nicolas Pesce. 94 Min.

Langatmig verfolgt Pesce den Unfrieden, den die Quälgeister – aus Asien eingeschleppt – in einem amerikanischen Kleinstadthaus verbreiten, über viele Jahre. Auch die Figur der Polizistin muss zusätzlich mit einer traumatischen Vorgeschichte ausgestattet werden, um Hollywoods Vorliebe für Psychologie zu entsprechen. Die Polizeiszenen sind dabei so konventionell, dass man mitunter das Gefühl hat, hier habe sich mal wieder jemand an einem „etwas anderen Tatort“ versucht, garniert mit ein paar Horrorelementen. Aber bringen wir niemanden auf Ideen.

Als Reminiszenz an die früheren Verfilmungen ist auch die Geschichte der Polizistin nur eine unter mehreren Kurzgeschichten – nur dass diese nicht mehr für sich stehen. Es ist ein verbreiteter Irrglaube, besonders im amerikanischen Kino, dass Episoden dadurch interessanter werden, dass man sie zu Parallelmontagen verschneidet. Schon Filmpionier David Wark Griffith musste sich für seinen Film „Intolerance“ die Kritik gefallen lassen, dass dadurch allein noch nichts gewonnen ist.

Wie man hört, ist „The Grudge“ kein Remake, sondern ein „Reboot“. Dieses Branchenwort bezeichnet Neuverfilmungen, die so tun, als gäbe es ihr Vorbild nicht. Ein klassischer Fall von Selbstbetrug. Und wie so etwas geht, lehrt ja schon die freundliche Polizistin: „Jetzt schließen wir die Augen und zählen einfach bis fünf“.

Kino-Tipp: Sam Mendes’ Kriegsfilm „1917“ ist als schwelgerisches Schlachtengemälde gleichermaßen grandios wie befremdlich.

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