Der Tiger als Individuum

- Der Franzose Jean-Jacques Annaud (61) begann als Werbefilmer. Bereits sein erster Spielfilm "La Victoire en Chantant", mit dem er 1977 den Auslands-"Oscar" gewann, beschäftigt sich mit dem Kolonialismus in Afrika. Seitdem hat ihn die Faszination für das Fremde, Exotische, den Naturzustand nicht mehr los gelassen - ob im Steinzeitdrama "Am Anfang war das Feuer", in der Verfilmung von Marguerite Duras' Indochina-Roman "Der Liebhaber" oder in "Sieben Jahre in Tibet" über Heinrich Harrer. Manchmal findet Annaud "das andere" auch in Europa, etwa in der Verfilmung von Umberto Ecos "Der Name der Rose". Nach "Der Bär" ist nun "Zwei Brüder", der morgen ins Kino kommt, Annauds zweiter Film, bei dem wilde Tiere im Zentrum stehen.

<P>Sie haben in Kambodscha, im Dschungel um Angkor Wat, bei den alten Tempelanlagen des Khmer-Reichs gedreht. Wie sieht es dort heute aus?<BR><BR>Annaud: Wie das Schloss von Versailles. Tausende von Touristen laufen da durch die Gegend, alles ist viel zu sauber und aufgeräumt. Wir haben daher Tausende von Pflanzen angepflanzt, um das Aussehen der Entdeckungszeit wieder herzustellen. Was man heute sieht, ist das Gleiche, aber ohne den alten Charme.<BR><BR>Die Tiger in Ihrem Film wirken fast menschlich. Kaum zu glauben, dass ihr Verhalten ganz natürlich ist.<BR><BR>Annaud: Mein Film ist ein Spielfilm, eine Fabel. Aber er ist plausibel. Jeder Tiger ist ein Individuum mit einer individuellen Persönlichkeit. Die meisten Menschen ignorieren, dass Tiere ein extrem gutes Gedächtnis haben.<BR><BR>Würde man zu weit gehen, wenn man sagt: Die Welt der Tiere ist für Sie eine eigene Kultur unter anderen?<BR><BR>Annaud: Absolut richtig. Für mich ist es offensichtlich, dass jede Tierart auch ihre eigenen kulturellen Angewohnheiten hat: Essensgeschmack, Vorlieben für Räume, eine Jagdkultur. Und es gibt darüber hinaus Gemeinsamkeiten, die wir mit Tieren teilen: zum Beispiel die Fürsorge für Kinder. Es ist manchmal verstörend zu begreifen, wie nahe wir den Tieren stehen.<BR><BR>Sie haben in den Sechzigern studiert, als man das "wilde Denken" neu entdeckte. Ihr eigener Weg - die Faszination für das Exotische, das Irrationale - ist in gewissem Sinn sehr typisch für Ihre Generation.<BR><BR>Annaud: Wahrscheinlich. Als Kind glaubte ich, Intellektueller zu sein, wäre das Beste auf der Welt. Ich liebte Homer, Thukydides, Aristoteles. Ich habe an der Sorbonne neben Griechisch auch Mittelalterliche Geschichte und Kunst studiert und Theatergeschichte. Ich wollte entweder Archäologe werden oder Filmemacher. Ich entschied mich für das Filmemachen, weil ich darin die Möglichkeit sah und bis heute sehe, immer noch zugleich auch Historiker und Archäologe zu sein. Afrika öffnete mir die Augen für die Welt der Sinne. Bis heute verbringe ich viel Zeit unter anderen Kulturen, in Afrika und Asien. In Kambodscha habe ich an Opfer-Ritualen teilgenommen. Ich brauche das. Es ist eine Erfahrung, die einen bescheidener werden lässt.<BR><BR>Wie würden Sie Ihre eigene Identität als Filmemacher beschreiben?<BR><BR>Annaud: Ich fühle mich extrem französisch. Aber ich verstehe mich noch stärker und in erster Linie als Europäer. Ich fühle mich besonders in Italien, Spanien und Deutschland sehr zuhause. Sie wissen, dass ich Deutschland sehr gut kenne.<BR><BR>Sie kennen auch Asien. Einst war es nur eine westliche Idee. Heute befindet es sich im Aufschwung und beginnt umgekehrt, uns zu beeinflussen.<BR><BR>Annaud: Das wurde höchste Zeit. Ich empfinde viel Anteilnahme und Freundschaft für Asien. (Lachend) Als ein guter Deutscher respektiere und bewundere ich Menschen, die viel arbeiten.</P><P>Das Gespräch führte Rüdiger Suchsland<BR></P>

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