"Titos Brille": Witzig-emotionale Familien-Doku

Die Dokumentation "Titos Brille" ist stellenweise so grotesk, dass der Zuschauer oft nicht mehr weiß, ob es sich nicht doch um einen Spielfilm handelt.

Es gibt einige Stellen in dieser Dokumentation, an denen man wirklich nicht mehr weiß, ob es sich in Wahrheit nicht vielleicht doch um einen Spielfilm handelt. Zu grotesk sind die Situationen, zu witzig die Protagonisten, allen voran Adriana Altaras. Die hatte in ihrem autobiografischen Buch „Titos Brille“, das im Jahr 2011 erschienen ist, die ziemlich verwickelte Geschichte ihrer Familie aufgedröselt. Für die Verfilmung durch Regisseurin Regina Schilling fährt Altaras nun zurück in das Land ihrer Kindheit, das es gar nicht mehr gibt: Jugoslawien.

Die Schauspielerin erkundet in diesem Dokumentarfilm gleichermaßen humorvoll wie emotional ihre Familiengeschichte – und scheinbar beiläufig auch dieses verschwundene Land der Gegensätze, Sehnsüchte und Enttäuschungen. Altaras’ Eltern waren kroatische Juden, ihr Vater stieg bei Titos Partisanen während des Zweiten Weltkriegs zu einem hohen Offizier auf und wurde eine legendäre Gestalt. In den Sechzigerjahren fiel er in Ungnade, man weiß nicht so recht weshalb, und floh nach Deutschland.

Altaras erfüllt diese Familienchronik auf unvergleichliche Weise mit Esprit und meistert das Kunststück, selbst peinliche Enthüllungen über ihre Eltern nie peinlich erscheinen zu lassen. Ihre Familie wirkt oft wie erfunden, spiegelt aber perfekt das Paradoxon Jugoslawien: glühende Kommunisten und stramme Anti-Kommunisten, Agnostiker und streng Religiöse finden sich in der derselben Familie. Überwinden können sie diese Gegensätze nie, sie versuchen es eigentlich gar nicht richtig, denn: Es geht ja auch so.

In einer der schönsten und lustigsten Szenen steht Altaras in der Villa Bled, einem Prachtbau in Slowenien, den Tito oft nutzte und erläutert, woher der Titel ihres Buchs kommt: Ihr Vater habe sich immer gebrüstet, die Brille von Tito repariert zu haben und damit maßgeblich zum siegreichen Ausgang des Kriegs beigetragen zu haben. Später fand Altaras heraus – Tito war damals gar kein Brillenträger.

Zoran Gojic

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