Tokio im Blick

- Verträumte, staunende Blicke, eine Taxifahrt durch die Neonnacht. Bilder, die in gleißendes Weiß zerfließen - ein junges Mädchen aus dem Westen driftet durch Tokio auf einer Suche, der jedes Ziel nur Vorwand ist. Das Szenario kommt einem bekannt vor, und tatsächlich ließe sich "Stratosphere Girl" vom deutschen Regisseur M.X. Oberg als eine hiesige Variante von "Lost in Translation" beschreiben.

<P>Doch der Vergleich führt in die Irre. Denn auch wenn "Stratosphere Girl" auf frappierende Weise die Faszination für Japan, die Grundidee der Verlorenheit in einer hybriden Metropole, manche Beobachtungen und einige Darstellungsweisen mit Sofia Coppolas Werk teilt, ist die Grundhaltung eine andere. Eher ähnelt der Film einigen Neo-Noir-Thrillern der 90er.</P><P>Am Anfang sieht man Angela (Chloe Winkel), die engelsgleiche, naseweis-unschuldige Hauptfigur, noch durch das Dachfenster eines typisch bundesrepublikanischen Reihenhauses schauen. Kurz darauf blickt sie durch eine ähnliche Badezimmerluke auf den nächtlichen Verkehr in Tokio. Das ist der erste Blick auf Japans Hauptstadt, gerade in seiner Verstohlenheit und Beiläufigkeit umso glamouröser.</P><P>Blicke gibt es sehr viele in "Stratosphere Girl", immer wieder geht es darum, wie Wahrnehmung sich in Zeichnungen verwandelt, wie Körper zur grafischen Fläche, zu Kunst werden. Denn Angela ist Comic-Zeichnerin, die nach Japan gekommen ist, um zu malen, was sie staunend sieht. Je länger sie dort ist, umso mehr japanisiert sich ihr Stil. Doch vor allem erlebt sie ein Abenteuer, in dem sie wie eine Detektivin dem Schicksal einer verschwundenen Russin nachspürt und daraus wieder eine Comic-Geschichte macht, dabei selbst mit den Heldinnen der Handlung verschmilzt.</P><P>Bis zum Ende ist schwer zu sagen, was hier Traum, was Wirklichkeit sein soll. Doch diese Schwäche der Story wird zur Stärke der Beobachtung: Der Film nähert sich der offenen, fragmentarischen Erzählweise des Comics an und damit auch einem sehr gegenwärtigen Lebensgefühl. Ein Triumph der Flüchtigkeit, ein Driften gegen den Strom, bei denen der Zuschauer und die Heroine Angela im japanischen Zauberwald trotzdem finden, was sie hineinprojizieren.</P><P>Kunstvoll und einfallsreich gelingt Oberg hier vieles auf einmal: Japan-Essay und Nachtstück, Detektivgeschichte und eine Traumnovelle. "Stratosphere Girl" ist ganz stark, bei kleineren Schwächen besser und interessanter als die meisten deutschen Kinostücke des letzten Jahres. Ein Film, in den man sich verlieben kann. <BR>"Stratosphere Girl"<BR>mit Chloé Winkel, Jon Yang, Rebecca Palmer<BR>Regie: M.X. Oberg<BR>Hervorragend </P>

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