Tonfetzen und Bildreste

- Bisher hielt sich das Autorenkino mit Reaktionen auf den 11. September 2001 erstaunlich zurück. Verständlich: Wie soll man mit Bildern gegen die Bilder ankämpfen, die sich in unsere Hirne eingebrannt haben ? Das Konzept von "11'09''01 - September 11", dem ersten Versuch, doch zu reagieren, ist schlicht: Elf Kurzfilme, jeder von ihnen genau elf Minuten und neun Sekunden lang. Völlig frei in der Gestaltung, erhalten die Filmemacher Gelegenheit, ihre persönlichen Gedanken zu den Terrorakten in Bilder zu fassen. Teilnehmer: Mehr oder weniger namhafte Regisseure, fein säuberlich nach Political Correctness über die Weltkarte verteilt.

Organisiert hat den Film der französische Produzent Alain Brigand. Zuerst klingt dies nach politischer Pflichtübung, alle Kunst schon im Ansatz unter dem Konzept erstickend. Sieht man den Film, ist man angenehm überrascht: Perfekt ist zwar keiner der Beiträge, aber in ihrer Verschiedenheit ergeben sie ein Gesamtbild, das dem Geschehen angemessener ist als manche noch so gut gemeinte Dokumentation des letzten Jahres.<BR><BR>Ken Loachs Beitrag ist, wie alle Loach-Filme, ein starkes, politisches Pamphlet. Er verknüpft zweierlei "Angriffe auf die Freiheit", so eine Formulierung von George W. Bush: die Attentate des Vorjahres und den 11. September 1973, den von den USA inszenierten, blutigen Militärputsch gegen Salvador Allende in Chile. Das relativiert die New Yorker Ereignisse und stellt sich dabei doch nie in die Nähe jener grassierenden, wohlfeilen Salon-Rhetorik mancher Amerika-Kritiker, nach der es "ein wenig auch die Richtigen trifft". Was Loachs perfekte Gratwanderung vielmehr zeigt: Terror, wie er an jenen beiden 11. Septembern geschah, trifft nie die Richtigen.<BR><BR>Der vielleicht in seiner Kompromisslosigkeit beste Versuch, dem visuellen Ereignis des 11. 9. gerecht zu werden, ohne den allzu bekannten Bildern zu verfallen, stammt vom Mexikaner Alejandro Gonzá´lez Iná´rritu: Er zeigt einfach nur eine schwarze Leinwandfläche. Man hört Tonfetzen aus TV-Berichten, letzte Worte auf Anrufbeantwortern. Nur manchmal sieht man in kurzen Bildresten die Wände der Hochhäuser. Ganz abstrakt wirken sie, ruhig und schön. Bis man die Menschen erkennt, die an ihnen entlangstürzen. Sie scheinen zu fliegen, zu schweben . . .<BR><BR>Das ist, in seiner von Filmen Guy Debords entlehnten Form zwar auch eine Absage an die Spektakel der Nachrichtensendungen. Es sind aber vor allem Bilder, die einem das Leid des 11. September nahe bringen, ohne es seiner Anonymität zu berauben. <BR>(In München: Atelier, Isabella, Theatiner i.O.)<BR>

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