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Michael Stone und Lisa Hesselman sind in einer Szene aus dem Animationsfilm "Anomalisa" zu sehen.

Zurecht oscarnominiert

"Anomalisa": Wenn Puppen von der Liebe träumen

München - Charlie Kaufman hat mit seinem ersten Animationsfilm „Anomalisa“ ein Kunstwerk geschaffen, das zu Recht im Rennen um die Oscars ist

Trickfilme sind etwas für Kinder – dieser Irrglaube hält sich nach wie vor. Dabei gab es in den vergangenen Jahren Meisterwerke wie den japanischen Animé „Chihiros Reise ins Zauberland“ oder die Tragikomödie „Mary & Max“, die sich (auch) an ein erwachsenes Publikum richteten. Nun zeigt Charlie Kaufman mit „Anomalisa“, wie menschlich das Leben nicht-realer Helden sein kann. Dafür gab es völlig zu Recht eine Oscarnominierung als bester Animationsfilm.

„Anomalisa“ kreist um einen Mann in der Sinnkrise. Michael Stone ist erfolgreicher Motivationsredner. Sein eigenes Leben aber erscheint ihm leer, gleichförmig. Als er für einen Vortrag allein im Hotel ist, lernt er Lisa kennen und verliebt sich in sie. Lisa scheint anders als die anderen Menschen, er tauft sie „Anomalisa“. Die beiden kommen sich vorsichtig näher und erleben in einer Nacht zusammen Momente des Glücks.

Kaufman holte sich für diesen Film den Animationsspezialisten Duke Johnson an die Seite. Gemeinsam entwickelten sie die Charaktere, die zwar Puppen sind – aber mit überraschend menschlichen Zügen. Gedreht wurde „Anomalisa“ in aufwändiger Stop-Motion-Technik, bei der die Figuren in jeder Einstellung neu arrangiert werden müssen. Dadurch wirken ihre Bewegungen etwas ungelenk. Die Puppen ermöglichten aber auch einen erzählerischen Kniff: Kaufman setzte für alle Charaktere – mit Ausnahme von Michael und Lisa – dieselben zwei Gesichter ein. So stellt er wunderbar dar, wie es Verliebten geht, die nur noch Augen für diese eine Person haben.

Die Geschichte mag nicht ganz so schräg sein wie Kaufmans frühere Werke – immerhin machte er sich einen Namen mit Drehbüchern etwa zu „Being John Malkovich“ und „Vergiss mein nicht“. Doch auch in seinem ersten Animationsfilm gelingt es Kaufman, komplexe Charaktere zu zeigen und ihnen sehr nah zu kommen. Ihre Ängste und Sorgen werden dank kleinster Gefühlsregungen spürbar und schaffen eine berührende Tiefe und Authentizität – „Anomalisa“ wird so zum Kino-Kunstwerk.

„Anomalisa“

von Charlie Kaufman

Laufzeit: 91 Minuten

Hervorragend

Dieser Film könnte Ihnen gefallen, wenn Sie „Waking Life“ mochten.

Aliki Nassoufis

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