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Das eigentliche Zentrum des Films: Oscar Brose verleiht seiner Figur Julian (Mitte, vorne) eine ganz neue Tiefe.

Unser Film der Woche

Trailer zu "Junges Licht": Heimatgemälde und Familiendrama

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München - Adolf Winkelmann gelingt mit „Junges Licht“ ein feinsinniger Blick auf das Deutschland der frühen Sechziger. Unser Film der Woche.

Geld gibt es zu wenig. Schläge zu viel. Das Leben des zwölfjährigen Julian ist wahrlich kein Zuckerschlecken, damals, im heißen Sommer von 1961. Adolf Winkelmann hat sich längst einen Namen als Ruhrpott-Regisseur gemacht. Man denke nur an große Erfolge wie „Die Abfahrer“, „Jede Menge Kohle“ oder „Nordkurve“. „Junges Licht“ passt perfekt in diese Reihe – und auch wieder nicht. Denn hier hat Winkelmann zum ersten Mal einen Roman adaptiert. Der Pott-Literat Ralf Rothmann („Milch und Kohle“) veröffentlichte diese stark autobiografisch gefärbte Geschichte schon 2004 bei Suhrkamp.

Der nüchterne Realist Winkelmann taucht mit Rothmanns Figurenpersonal tief ab in die graubraune Nachkriegszeit. Als jede zweite Straße noch vor einer Zeche oder Kokerei endete und vom Phoenixsee keine Rede war. Als das Ruhrgebiet noch den erdigen, rauen, schmutzigen Charme der Schwerindustrie verströmte. Man riecht förmlich den Muff der ungelüfteten Wohnungen und verdreckten Treppenhäuser, spürt den hochfliegenden oder kleinkarierten Lebensträumen der Charaktere nach.

Julian (Oscar Brose) ist tagsüber meistens alleine. Vater Walter malocht unter Tage, Mutter Liesel (Lina Beckmann), eine so liebes- wie lebensunfähige Frau, verdrischt den Sohn bei jeder Gelegenheit. Der wiederum findet seine erste Schwärmerei in Gestalt der frühreifen Nachbarstochter, die wiederum Walter (Charly Hübner) nachstellt. Figuren aus Fleisch und Blut, ein Ensemble zum Niederknien, allen voran die wunderbare Lina Beckmann als „irgendwie seelisch“ kranke Liesel und Oscar Brose als Julian. Dieser unfassbar talentierte Bub, der dem schon oft gezeigten Heranwachsen eine ganz neue Tiefe verleiht, bildet das eigentliche Zentrum des Films. Viel deutlicher als Rothmann im Roman hat Winkelmann als Filmemacher diese feinsinnig-lakonische Mischung aus Heimatgemälde und Familiendrama auf das Kind zugeschnitten. Zu Recht. Denn Oscar Brose trägt auch die schwierigsten und emotional sehr belastenden Szenen mit einer atemberaubenden Leichtigkeit. Seinen Namen muss man sich merken.

„Junges Licht“

mit Charly Hübner, Oscar Brose

Regie: Adolf Winkelmann

Laufzeit: 122 Minuten

Hervorragend

Der Film könnte Ihnen gefallen, wenn Sie „Nordkurve“ mochten.

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