Traumschöne Bilder

- Starke Frauen waren schon immer das Thema der Margarethe von Trotta. Nach 22 Jahren kehrt sie mit "Rosenstraße" an den Lido von Venedig zurück, wo sie 1981 ihren größten Triumph erlebte. Mit "Die bleierne Zeit" gewann sie den Goldenen Löwen. "Rosenstraße" nun verdichtet historisch verbürgte Ereignisse aus Berlin im März 1943, als circa 2000 Juden aus "Mischehen" interniert und ihr Abtransport ins Lager vorbereitet wurde.

<P>Doch deren Ehefrauen protestierten öffentlich und erreichten nach kurzer Zeit die Freilassung - eines der wenigen Beispiele von zivilem Ungehorsam im "Dritten Reich". Von Trotta teilt die Vorgänge in eine Rahmenepisode - eine junge Jüdin forscht jetzt nach dem Schicksal ihrer Mutter - und in das Schicksal einer Protestierenden. </P><P>Der Umgang mit dem historischen Stoff überzeugt kaum. Von der komplizierten Rahmenhandlung abgesehen, benutzt das Drehbuch Geschichte nur als Kulisse für ein rein privates Melodram. Wenn sich Goebbels durch ein paar weibliche Avancen zur Freilassung bewegen lässt, wird es peinlich. Die Umstände des Widerstands bleiben dagegen ungeklärt - und die allzu langsame und altbackene, dabei grelle Inszenierung wirkt seltsam unauthentisch. <BR><BR>Fast einhellig positiv war hingegen die Reaktion auf drei andere Filme: Im Hauptwettbewerb begeisterte bisher der 95-jährige portugiesische Altmeister Manoel de Oliveira mit "Tonfilm", dem ersten großen Preisfavoriten. "Was ist ein Mythos, was ist eine Legende?" hört man aus dem Mund eines kleines Mädchens. Kinderfragen bilden den Leitfaden des streng komponierten Films. Erzählt wird von der Schiffsreise einer Mutter und ihrer Tochter durchs Mittelmeer gen Bombay. Diese "Passage to India" zitiert den Traum Portugals vom Seeweg nach Indien - nicht zufällig beginnt alles im Hafen von Lissabon. </P><P>Unterwegs besuchen sie Ruinen der Griechen, der Osmanen, Pompeji und die Pyramiden. Ihre Gespräche drehen sich um die Vergangenheit der Imperien, den Charakter der Zivilisation und das Verhältnis zwischen Westen und Orient. Mit an Bord sind Cathérine Deneuve, Stefania Sandrelli und Irene Papas quasi als profane Göttinnen ihrer Kulturen und als Kapitän der Amerikaner John Malkovitch. Hochgebildet und doch auf merkwürdige Weise leicht ist das ein Hohelied auf die Kultur des alten Europa.<BR><BR>Im "Controcorrente", dem zweiten, unter Mostra-Leiter Moritz de Hadeln noch aufgewerteten Wettbewerb, der sich dem experimentelleren Film widmet, überwältigte "Lost in Translation" von Sofia Coppola: Die uralte Geschichte vom Mann und dem jungen Mädchen ganz neu und frisch erzählt, dabei keusch und in atemberaubend schönem Stil. Komiker Bill Murray glänzt in einer ernsten Rolle und amüsiert zugleich, denn der Film ist bei aller Tiefe auch eine Satire auf das Verhältnis des Westens zu Japan - das Paar verliebt sich in den gesichtslosen Hotelräumen eines hypermodernen Tokio. </P><P>Durch visuelle Kraft bezauberte auch "Last Life in the Universe" aus Thailand: ein existenzielles Drama, das Melancholie und subtilen Witz mischt, ein Traumstück über einen todessehnsüchtigen Japaner in Bangkok, das in seiner Ästhetik nicht zufällig an Wong Kar-wai erinnert - die Bilder stammen von dessen Kameramann Christopher Doyle. So steht der erste Gewinner bereits fest: das Kino selbst, das Filme wie diese braucht. </P> 

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