Tristes Deutschland

- Etwas einsam saß Doris Dörrie da während der Pressekonferenz in Venedig. Vielleicht ein Drittel gefüllt waren die Reihen der Journalisten, die Fragen fielen höflich aus. Die Regisseurin sprach über die Philosophie ihres Films, erzählte von der Revolution in der Menschheitsgeschichte: Frauen können selbst entscheiden, ob sie Babys kriegen möchten. Was das genau mit ihrem neuen Spielfilm zu tun hat, blieb unklar.

<P>"Nackt", gerade auf dem Festival gelaufen, basiert auf Dörries Stück "Happy". Es schildert einen Abend im Leben dreier Paare. Einst waren sie befreundet, jetzt treffen sie sich nach langer Zeit wieder: Der eine ist als Spekulant reich geworden, seitdem kriselt es in seiner Beziehung. Die weniger Reichen sind dafür glücklicher, die beiden Armen getrennt. Eine gute Stunde lang folgt der Film dem Auf und Ab des Paar-Geplappers, das sich zur Selbstzerfleischung steigert und mit dem der Film nahtlos an die schlechteren Beispiele des vergessen geglaubten Genres der Beziehungskomödie anknüpft - papierne Dialoge, ausgedachte Charaktere. Das alles ohne einen Funken Charme. Kino an der Schmerzgrenze. Hinzu kommt, dass sich der Film nie von seiner Bühnenherkunft lösen kann. Am Ende ziehen sich zwei Paare aus und versuchen sich mit verbundenen Augen, nur tastend, zu erkennen.</P><P>Mit "Nackt" unterschreitet Dörrie das Niveau ihrer früheren Filme. Am Erschreckendsten ist aber das triste Deutschland-Bild, das "Nackt" im Verein mit Winfried Bonengels zuvor gelaufenem "Führer Ex" entwirft. Oder sollte in dieser Kombination von Sex und Gewalt, Gerede und Getue, in Kulissenhaftigkeit und dramaturgischer Hysterie, in der filmischem Hilflosigkeit beider Werke etwas Repräsentatives für eine Gesellschaft liegen, die ihre Orientierung sucht?</P>

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